Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen
Aus Laboratorium
„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ ist ein deutsches Sprichwort. Ähnliche Sprichworte finden sich auch in anderen Sprachen, z.B. „Wer nicht arbeitet, der ißt auch nicht.“ („Кто не работает, тот а не ест.“) im Russischen.
Die deutsche Version wird üblicherweise in der Weise gebraucht und verstanden, daß ein Mensch, der nicht arbeitet, nicht das Recht auf Ernährung habe. Oft wird im selben Atemzug darauf verwiesen, es handle sich bei dem Satz um ein Bibelzitat, um der Sache auch noch einen gewissen moralischen Anstrich zu verpassen. Die Bibelstelle, von der jedoch die Rede ist, wird dabei allerdings völlig sinnentstellend aus dem Zusammenhang gerissen und außerdem auch noch falsch zitiert!
Die Bibelstelle
Kurz nach der Gründung der ersten christlichen Gemeinden schreiben Paulus, Silvanus und Timotheus in ihrem zweiten Brief an die Thessalonicher unter anderem folgende Zeilen:
„Wir gebieten euch aber, Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, daß ihr euch zurückzieht von jedem Bruder, der unordentlich und nicht nach der Überlieferung wandelt, die er von uns empfangen hat. Denn ihr selbst wißt, wie man uns nachahmen soll; denn wir haben unter euch nicht unordentlich gelebt, noch haben wir von jemand Brot umsonst gegessen, sondern wir haben mit Mühe und Beschwerde Nacht und Tag gearbeitet, um keinem von euch beschwerlich zu fallen. Nicht, daß wir nicht das Recht [dazu] haben, sondern damit wir uns euch zum Vorbild gäben, damit ihr uns nachahmt. Denn auch als wir bei euch waren, geboten wir euch dies: wenn jemand nicht arbeiten will, soll er auch nicht essen. Denn wir hören, daß einige unter euch unordentlich wandeln, indem sie nicht arbeiten, sondern unnütze Dinge treiben. Solchen aber gebieten wir und ermahnen sie im Herrn Jesus Christus, daß sie in Stille arbeiten und ihr eigenes Brot essen. Ihr aber, Brüder, ermattet nicht, Gutes zu tun! Wenn aber jemand unserem Wort durch den Brief nicht gehorcht, den bezeichnet, habt keinen Umgang mit ihm, damit er beschämt werde; und seht ihn nicht als einen Feind an, sondern weist ihn zurecht als einen Bruder.“ (2Thess 3:6–15)
Auswertung
Einige Unterschiede fallen auf zwischen Bibelstelle und Sprichwort:
- Im Brief geht es um den Fall, daß jemand „nicht arbeiten will“. Das Wort „will“ fehlt im Sprichwort. In der Bibelstelle geht es somit nicht um den Fall, daß jemand nicht arbeiten kann, weil er z.B. krankheits- oder altersbedingt arbeitsunfähig ist oder in einer Gesellschaftsordnung leben muß, in der es Arbeitslosigkeit gibt.
- Das Verständnis, was unter „Arbeit“ zu verstehen ist, war zur damaligen Zeit sicher ein anderes als heute. „Nicht arbeiten, sondern unnütze Dinge treiben“ ist wahrscheinlich als Gegenüberstellung zweier gegensätzlicher Dinge zu verstehen und folglich unter „Arbeit“ in diesem Zusammenhang zu verstehen, nützliche Dinge zu treiben. Heute wird unter „Arbeit“ jedoch zumeist Lohnarbeit verstanden, wonach jede Tätigkeit, die Geld einbringt, als „Arbeit“ gilt, egal wie unnütz oder gar schädlich sie auch sein mag. Ebenso werden unbezahlte, nützliche Tätigkeiten, z.B. Kindererziehung, heute oftmals nicht als „Arbeit“ bezeichnet.
- Der Ausdruck „soll er auch nicht essen“ heißt wörtlich übersetzt: „esse er (3. Person Imperativ) auch nicht!“ („μηδὲ ἐσθιέτω“). Es ist somit eine Aufforderung an denjenigen, der nicht arbeiten will, von sich aus nicht zu essen, und nicht etwa an die Gemeinde, jemanden hungern zu lasen oder dergleichen.
- Jemanden hungern zu lassen, wie es das deutsche Sprichwort nahelegt, stünde auch im Widerspruch zu wichtigen Glaubenslehren (s. Lk 6:27–38) und kann somit nicht gemeint sein. Die Verfasser stellen mit der Äußerung „Nicht, daß wir nicht das Recht [dazu] haben“ ferner klar, daß es ihnen nicht darum geht, zu sagen, man habe nicht das Recht, umsonst Brot zu essen. Vielmehr geht es darum, anderen ein Vorbild zu sein. Auch die Äußerung „seht ihn nicht als einen Feind an“ zeigt, daß es hier nicht darum geht, das Nicht-Arbeiten durch ein Hungernlassen zu vergelten.
Zu erwähnen ist an dieser Stelle auch noch, daß es sich hier nur um einen gut gemeinten Rat unter Glaubensbrüdern handelt. Nicht jede Bibelstelle ist ein göttliches Gebot, sonst wäre z.B. Nebukadnezars Aufforderung zum Götzendienst ebenso eins. Von daher ist der Versuch, der Aussage durch den Hinweis, daß es sich um eine Bibelstelle handle, moralisches Gewicht zu verleihen, völlig unsinnig.
Weitere Überlegungen
- In einer vorindustriellen Gesellschaft ist das direkte Resultat der Arbeit einer Person in etwa die Nahrung für eine Person. Wer nicht arbeitet, kann also gar nicht essen, in sofern er nicht jemand anderem etwas wegißt, was gegen die goldene Regel verstößt. Dies unterscheidet sich von der Situation in einer modernen Dienstleistungsgesellschaft, wo Landwirtschaft und Industrie nur wenig Arbeit erfordern. Hier wird die goldene Regel nicht wesentlich durch unverdientes Essen verletzt. Aber es ist dennoch Arbeit erforderlich, wobei erstens unklar bleibt, welche Arbeit und wie viel davon für ein legitimes Verhalten erforderlich ist und zweitens das System teils sogar sinnvolle Betätigung verhindert oder nur im Tandem mit Unsinn zuläßt.
- In einer nicht-tauschbasierte Gesellschaft, in der nominell jeder nach seinen Fähigkeiten arbeitet und nach seinen Bedürfnissen konsumiert, wäre es moralisch falsch, nicht voll nach seinen Fähigkeiten zu arbeiten, aber dennoch uneingeschränkt zu konsumieren.

