Selbstentfaltung und Fürsorge
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Fürsorge
Fürsorge ist das Umsorgen von anderen Menschen, ihnen etwas gutes Tun. Notwendige Fürsorge ist es dann, wenn diese Menschen nicht (momentan, nicht mehr oder noch nicht) dazu in der Lage sind, ihre existenziellen Bedürfnisse selbst zu erfüllen.
Es kann keine menschliche Gesellschaft geben in der diese notwendige Fürsorge nicht geleistet wird. Eine Gesellschaft ohne Kinder hört auf zu existieren, eine Gesellschaft ohne Kranke würde recht schnell dezimiert und eine Gesellschaft ohne Alte verlöre ihre Errinnerung und (nach moderner Auffassung) ihre Menschlichkeit.
Selbstentfaltung braucht Fürsorge
Wenn also jede Gesellschaft auf Fürsorge angewiesen ist, so ist also auch eine Gesellschaft, die Selbstentfaltung umfassend ermöglicht auf Fürsorge angewiesen.
Fürsorge braucht Selbstentfaltung
Man könnte überlegen, dass diese notwendige Fürsorge den selben Status haben könnte, wie andere notwendige Arbeiten, die halt irgendwie organisiert werden müssten (Kloputzen, Bergwerk, ...). Das geht jedoch nicht, weil das die Selbstentfaltung der Umsorgten beeinträchtigen würde. Wer wie ein Klo behandelt wird, fühlt sich auch wie eines.
Es geht hier also um eine gänzlich andere Qualität. Es geht darum eine Selbstentfaltungs-Beziehung aufrecht zu erhalten oder zu ermöglichen trotz einer prinzipiellen vorhandenen Assymmetrie, die dadurch zu Stande kommt, dass ein Teil existentiell vom anderen abhängig ist.
Fürsorge hier und heute
Die notwendige Fürsorge wird hier und heute als Ausnahme behandelt. Die Regel ist ein Leben ohne Kinder, ohne Krankheit und ohne Alter. Danach richtet sich das ganze Leben aus. Tritt doch einmal der Fall ein, dass eines der genannten Ereignisse über einen kommt, sind enorme Anstrengungen nötig um diese an sich ja völlig normalen, menschlichen Vorkommnisse dennoch gegen den Strom möglich zu machen. Darin sind sich Fürsorge und Selbstentfaltung sehr ähnlich. Auch Selbstentfaltung ist ja alles andere als ein Normalfall und nur neben oder gegen das eigentlich vorgesehene Leben verwirklichbar.
Meritokratie und Fürsorge
Es wurde vertreten, dass eine Selbstentfaltungsgesellschaft wesentliche Elemente von Meritokratie enthalten sollte. Es stellt sich nun die Frage, ob das vereinbar ist mit der oben skizierten notwendigen Fürsorge.
Meritokratie basiert auf Verdienst. Wenn ich in einem Projekt verdienstvolles leiste habe ich dort auch (Gestaltungs-)Macht. Um verdienstvolles zu leisten, brauche ich aber Zeit. Zeit, die ich nicht mehr für Fürsorgeaufgaben zur Verfügung habe. Jemand der seine ganze Zeit in ein Projekt investiert wird dort immer mehr Verdienste erwerben können, als jemand, der z.B. noch ein Kind zu betreuen hat. Im Folgenden werden diese beiden Positionen vereinfachend "Meritokratin" und "Fürsorger" genannt. Es wird davon ausgegangen, dass beide im selben Projekt tätig sind und das dieses Projekt für beide "ihr Ding" ist, sie es also gerne und in selbstentfaltender Weise betreiben. Beides sind aber abstrakte Personen, es geht um die gesellschaftliche Position und nicht um individuelles Verhalten. Was gibt es nun also für Möglichkeiten:
- Die Meritokratin leitet das Projekt, sie hat ja auch mehr Verdienste erworben. Der Fürsorger hat nicht so viel Zeit und ordnet sich im Projekt unter. Es ergibt sich somit also ein der Selbstentfaltung widersprechendes Machtgefälle.
- Beide teilen sich die Fürsorgezeit und die Projektzeit auf. Das könnte insofern problematisch sein, da ja die Meritokratin vielleicht garnichts mit dem (oder irgendeinem) Kind zu tun hat und auch nicht zu tun haben will (was ja legitim ist). Dann würde hier die Meritokratin teilweise an ihrer Selbstentfaltung gehindert.
- Ein übergeordnetes Verteilungsystem (zB. ähnlich wie die Peerconomy) würde dafür sorgen, dass beide, Meritokratin und Fürsorger, zu gleichen Teilen notwendige Aufgaben übernehmen müssen unabhängig davon ob das vielleicht auch Fürsorge- oder Meritokratische Aufgaben sind. So wird gesammtgesellschaftlich durchschnittlich sowohl die Selbstentfaltung als auch die Meritokratie eingeschränkt (um beide zu ermöglichen?).
- Es wäre eine (matriarchale?) Gesellschaft denkbar, in der Fürsorge immer auch Verdienst und Selbstentfaltung ist. Dann gäbe es natürlich gar kein Problem, das zu lösen wäre. Zumindestens für den Übergang in eine solche Gesellschaft würde das Problem weiter bestehen, denn heute ist ganz empirisch für die meisten Menschen diese Einheit nicht gegeben, und dass sich das von heute auf morgen ändert, ist kaum zu erwarten, weil damit tief verwurzelte Einstellungen verbunden sind. Es ist auch fraglich inwieweit eine Gesellschaft noch eine Selbstentfaltungsgesellschaft sein kann, wenn eine bestimmte Haltung zur Selbstentfaltung für alle (und nicht nur für eine genügend große Zahl) vorrausgesetzt wird.

