Benutzer:StefanMz/Reflexionen ueber Arbeit
Aus Laboratorium
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Auf dieser Seite will ich Aspekte der Auseindersetzung um den Begriff der Arbeit sammeln. Anlass sind mir die Diskussionen um den Unterschied von Arbeitskraft und Arbeit und meine Unsicherheit dabei.
Folgende Ausgangspunkte gibt es für mich in der Diskussion:
- »Zum Unterschied von Arbeitskraft und Arbeit«
- Abschnitt 1.1. »Arbeitskraft und Arbeit« in »Copyfarleft -- eine Kritik«
- Kommentar (22.3) »Genuin knapp oder reichlich da« in »24 Notizen zur immateriellen Arbeit und Ware Wissen«
Konrad Stöber (im folgenden: KS) hat mir nun einen ausführlichen Kommentar zu den bei Heinrich (Punkt 1.) von mir aufgeworfenen Fragen und Überlegungen geschickt (vielen Dank!). Ich werde diese Kommentare im folgenden thematisch gliedern und selbst meine Überlegungen dazu notieren. Wir immer handelt es sich auch hier nur um (m)eine Selbstverständigung, Kommentare bitte ggf. auf der Seite "Diskussion" (siehe Reiter oben) eintragen (vorher bitte anmelden!).
Inhaltsverzeichnis |
Arbeitskraft, Arbeit und Produkt
Der folgende Satz von Michael Heinrich in seiner »Einführung...« hat bei mir mehr Verwirrung gestiftet als geklärt:
- »Mit Arbeitskraft ist die Fähigkeit des Menschen gemeint, Arbeit zu verrichten, und unter Bedingungen von Warenproduktion kann die Verausgabung von Arbeit zur Quelle von Wert werden« (87f)
Ich fragte mich: Arbeitskraft = Fähigkeit zur Arbeit, Arbeit = Potenz zur Verausgabung -- das ist doch nicht wirklich unterschiedlich?? Wäre es nicht so klarer: Arbeit ist die verausgabte Arbeitskraft? KS stimmt der Formulierung »Arbeit ist die verausgabte Arbeitskraft« zu und verweist auf Marx' »Kapital« (MEW 23):
- »Der Gebrauch der Arbeitskraft ist die Arbeit selbst. Der Käufer der Arbeitskraft konsumiert sie, indem er ihren Verkäufer arbeiten läßt. Letzterer wird hierdurch actu [tatsächlich] sich betätigende Arbeitskraft, Arbeiter, was er früher nur potencia [dem Vermögen nach] war.« (192) Und: »Der Prozeß erlischt im Produkt.« (195)
Wir haben also in der Tat drei unterschiedliche Stationen der Arbeit:
- Potenz: die Fähigkeit zur Arbeit
- Prozess: die Umsetzung der Potenz, also Arbeit
- Produkt: das Resultat von Arbeit
Oder wie KS es hier mit Bezug auf die englischen Begriffe ausdrückt:
- labour power: the ability to do
- labour: the doing
- result of doing: the done
Wenn Arbeit der Prozess der Verausgabung von Arbeitskraft ist, dann kann Arbeit nicht verausgabt werden, so wie ein Prozess nicht verausgabt werden kann. Das ist »im besten Falle nur laxer Ausdruck«, wie KS meint. Aber viele reden und schreiben so »lax«, eben auch Heinrich.
Arbeit/skraft und Wert
Weiter frage ich mich, ob folgende Heinrichsche Formulierung richtig ist:
- »Arbeit schafft Wert, hat aber selbst keinen« (95)
Muss es nicht heissen: Arbeitskraft schafft Wert, und zwar mehr, als sie selbst wert ist? Dazu KS:
- »Arbeitskraft (als Fähigkeit zur Arbeit) wird für eine bestimmte Zeit eingekauft. Ihr Einkauf für eine bestimmte Zeit macht aus dem Objekt Arbeitskraft ein Mittel, die Arbeitskraft wird angeeignet, und sobald der Arbeiter werkelt, realisiert sich der Gebrauchswert der Arbeitskraft. Indem sich dieser Gebrauchswert realisiert, wird er Mittel. Vom Standpunkt des Kapitals ist die verausgabte Arbeitskraft Produktionsmittel. Vom Standpunkt der Arbeit deren subjektives Moment.«
Das finde ich hinterfragenswürdig. Wird die Arbeitskraft, also die Potenz, angeeignet? Kann eine Potenz angeeignet werden? Aus meiner Sicht kann sich nur der Arbeiter seine eigene Potenz zu arbeiten zu Eigen machen, also aneignen, in dem er arbeitet, also die Potenz tatsächlich realisiert. Potenz und Aneignung fallen im Moment der tatsächlichen Umsetzung und in der Person zusammen, eben weil die Potenz subjektives und nicht objektives Moment ist. Der Kapitalist kann sich hingegen nur das verobjektivierte Resultat, das Produkt aneignen, da er die Potenz zwar dirigieren, aber nicht besitzen kann. Sagt Marx was anderes?
Nun wieder zu Heinrich, der mit »Arbeit schafft Wert« dann doch richtig liegt, denn die Arbeitskraft als Potenz schafft gar nichts -- dazu muss sie schon tatsächlich angewendet werden. Und klarerdings hat die Arbeit keinen Wert, sondern nur die Arbeitskraft.
Der Übergang von Arbeitskraft, die Wert hat, zum Produkt, das mehr Wert hat als die Arbeitskraft, deren Einsatz es erzeugte, erscheint vielen unbegreifbar. Die negieren die Differenz und nehmen an, die Arbeit als Prozess habe Wert und produziere dabei mehr Wert als sie selbst habe. Diesen Mehrwert denunzieren sie sogleich als »Diebstahl« oder »Betrug«, weil die Arbeit nicht ihren vollen Wert erhalte, der dem Wert des geschaffenen Produkts entspreche. Das bedeutet, das es formal-logisch überlegt gar keinen Mehrwert gäbe, weil sich dieser aus der Differenz von Wert der Arbeitskraft und Wert des Produkts bestimmt, die dann nicht mehr existieren würde, da »Wert der Arbeit« und »Wert des Produkts« identisch wären.
In letzter Zeit ist mir das zwei Mal über den Weg gelaufen, und ich war doch sehr verwundert:
- Dmytri Kleiner: Copyfarleft und Copyjustright
- Paul Cockshott: Zeit statt Geld
Arbeit/skraft und Verwertung
Nun weitere Überlegungen von KS zum Fortgang der Vernutzung von Arbeitskraft in der Verwertung:
- »In der über eine gewisse Zeit erfolgenden Verausgabung von Arbeitskraft realisiert als „Arbeit schlechthin“ ist abstrakte Arbeit zugleich konkrete Arbeit (vgl. S. 203, Arbeit unter dem Gesichtspunkt des Verwertungsprozesses). Das muß man sich allerdings genauer ansehen, denn zunächst entsteht der Eindruck, dass die Verausgabung von Arbeitskraft (abstrakter Arbeit) und konkrete Arbeit „parallel“ laufen.«
Konkrete Arbeit und abstrakte Arbeit (genauer: abstrakt menschliche Arbeit, siehe den Hinweis von Wolf) sind keine eigenständigen Entitäten oder Seinszustände von Arbeit, sonst zwei begriffliche Abstraktionen zur Heraushebung der besonderen Funktionen von Arbeit in Bezug auf unterschiedliche Kontexte. Aber es ist ein und dieselbe Arbeit, die diesen Doppelcharakter besitzt. Weiter KS:
- »In der Rolle, die Produktionsmittel abgehoben von der Rolle der Arbeit, im Verwertungsprozess spielen, werden die „Berührungspunkte“ und das ineinander übergehen erst deutlich (S. 215, Anfang Kapitel 6). Sind die Produktionsmittel vor der Aneignung Wert und Gebrauchswert nur der Möglichkeit nach, realisiert sich ihr Gebrauchswert in der Produktion und bestimmt als solcher die Art und Weise, in der Arbeitskraft verausgabt wird = konkrete Arbeit. (Mit Baumwolle und Spindeln kann man keine gezogenen Kanonen machen.) Als Quelle von Wert ist die Arbeit des Spinners bekanntermaßen ununterscheidbar von der des Kanonenbohrers.«
Nach meinem Verständnis passt das nicht, sondern ist hier erzwungen passend gemacht: Wieso sollte der Gebrauchs-/Wertcharakter des Produktionsmittel von der Aneignung abhängen? Vielleicht von der Anwendung in dem Sinne, dass nur das genutzte Produktionsmittel seine Funktion erfüllt. Aber das ist doch evident. Weiter KS:
- »Vom Standpunkt des Verwertungsprozesses fragt sich nun, wie der Wert der Produktionsmittel auf das Produkt übertragen wird, da der Arbeiter ja nicht zweimal arbeitet, einmal um dem Arbeitsgegenstand Wert zuzusetzen und das andere Mal, um den Wert der Produktionsmittel (im Produkt) zu erhalten. Wert zusetzen und alten Wert erhalten sind zwei ganz verschiedene Dinge (214 f). Bei dieser Betrachtunsweise erscheinen Arbeitsgegenstand wie Arbeitsmittel als Werte, und als solche geronnene Arbeitszeit. Der Arbeiter erhält diesen Wert der Produktionsmittel allerdings „nicht durch Zusetzen von Arbeit überhaupt [lese ich als abstrakte Arbeit, K.S.], sondern durch den besonderen nützlichen, durch die spezifisch produktive Form dieser zusätzlichen Arbeit.“ (215) – konkrete Arbeit. „Wäre die spezifische produktive Arbeit nicht Spinnen [sondern etwa die eines Kanonenbohrers K.S.] so würde er die Baumwolle nicht in Garn verwandeln, also auch die Werte von Baumwolle und Spindel nicht auf Garn übertragen.“ (215) Konkrete Arbeit schafft also keinen Wert, sie schafft Gebrauchswert. Allerdings erhält sie den Wert der in die Produktion eingegangenen Produktionsmittel, sodass diese anteilig im Wert des Produkts erscheinen können.«
Einverstanden.
Arbeit und Arbeitsontologie
Es ist mir klar, dass ich mich mit der Position, dass »Arbeit« keine Seinsbestimmung des Menschen dargestellt, sondern spezifische und damit historische Form der Vergesellschaftung, in eine Buh-Ecke stelle. Aber um der Wahrheit willen komme ich da nicht drumherum. Wir erkläre ich es nur? Und wie differenziere ich es so, dass es nicht bloß als eine terminologische Spitzfindigkeit erscheint, sondern sozusagen den Unterschied ums Ganze markiert?
Ich fragte mich also »Ist jenseits der Warenproduktion die Arbeit noch Arbeit?« Ich komme auf eine solche komische Frage, weil bekanntermaßen Arbeit unter Bedingungen der Warenproduktion soviel Bestimmungen hat, die jenseits nicht gelten, dass mir das Problem nicht durch eine adjektivische Ergänzung aus der Welt zu sein scheint, wie etwa KS vorschlägt:
- »Es geht nicht darum, die Arbeit aufzuheben, sondern die entfremdete Arbeit.«
Diese Ergänzung legt nahe, dass es eine Art unschuldiger Arbeit versteht unter fremder Hülle gäbe. Dem ist aber nicht so. Arbeit produziert Waren, besitzt deswegen Doppelcharakter, weil die Produkte getrennt in privater Form hergestellt wurden, was ihre posthume gesellschaftliche Bewährung verlangt, wozu man den Wertvergleich braucht etc. Alles weitgehend bekannt. Entscheidend ist nun für mich, dass Arbeit unter diesen Bedingungen die Form der Vergesellschaftung ist, und nicht etwa schlechte Eigenschaften hat, die sie los werden könnte. Sondern mit der Aufhebung der Warenproduktion muss diese Form der Vergesellschaftung über Arbeit und Wert logischerweise mit aufgehoben werden. KS fragt,
- »...wie und womit sollen denn die Menschen ihren in jedem Falle notwendigen Stoffwechsel mit der Natur realisieren, wenn nicht durch Arbeit. Da wir selbst Natur sind, können wir darauf schlechterdings nicht verzichten. Gerade der Umstand, dass wir selbst Natur sind (menschliche Natur) schlägt ja als unter anderem ökologisches Problem auf uns zurück. Und nicht in erster Linie, weil wir im allgemeinen Blumenbeete mehr lieben als Müllhalden.«
Ich glaube, dass man dem vor mir aufgeworfenen Problem der falschen Ontologisierung (»Stoffwechsel=Arbeit«) einer historisch-spezifischen Form entkommt, wenn man sich klar macht, was denn grundlegende Bestimmungen des Menschen sind. Die Menschen finden ihre Lebensbedingungen nicht bloß vor, sondern stellen sie in gesellschaftlicher Weise im umfassenden Sinne her. Das Herstellen oder Produzieren der Lebensbedingungen geschieht durch Stoffwechsel mit der (äußeren) Natur. Es umfasst sowohl das, was »Reproduktion der Gattung« genannt wird (Fortpflanzung) wie das, was »Erhalt der Gattung« durch Produktion der Lebensmittel genannt wird. Die Aufspaltung der beiden Aspekte Produktion und Reproduktion und die besondere einseitige Zuweisung der Arbeit zur Produktion ist selbst historisches Produkt und keinesfalls naturgegebene Daseinsweise. Sie zeigt sich im Kapitalismus als Sphärenspaltung der »männlich« strukturierten Sphäre der Verwertung und Arbeit und der »weiblich« strukturierten Sphäre der Wiederherstellung und Fortpflanzung als Sphäre der Abspaltung von Wert und Arbeit.
Arbeit ist eine spezielle Form der Herstellung der Lebensbedingungen, die es keinesfalls immer gegeben hat, und noch viel wichtiger in einer freien Gesellschaft hoffentlich nicht mehr geben wird. Arbeit, wohlbemerkt, nicht das Herstellen der Lebensbedingungen. Dazu gehört, dass die Sphärenspaltung aufgehoben wird und das somit Arbeit kein Sonderbereich des Lebens mehr ist, dem ein Nichtarbeitsbereich als Abspaltung gegenübersteht. Dann ist Leben und Herstellen der Bedingungen dafür identisch, weil und indem es alle Lebenstätigkeiten einschließt. Damit sind auch solche Absurditäten aufgehoben, wie der Kampf darum, den je eigenen Tätigkeitsbereich auch noch als Arbeit gewertet sehen zu wollen (Haus, Liebe etc.).
- »Die Frage ruht m.E. auf einem gründlichen Mißverständnis dessen, was Arbeit ist. Hier wird m.E. eine bestimmte gesellschaftliche Entwicklungform der Arbeit (als Verwertungsprozess) mit Arbeit als „ewige Naturnotwendigkeit“ unzulässig vermengt.«
Aus Sicht der Arbeitsontologie ist diese Überlegung folgerichtig. Und leider kann sich die Arbeitsontologie auf Marx berufen, der allerdings mit solchen Aussagen wie »ewiger Naturnotwendigkeit« oder denen zum überhistorischen Charakter von »Gebrauchswerten« irrte. Ja, auch Marx darf das, heute würde er es einsehen;-)
- »Es ist dasselbe Problem wie in der Philosophie die von Hegel kritisierte „Gegenständlichkeit“, die es aufzuheben gälte. Das Problem ist nicht die Gegenständlichkeit als solche, sondern die entfremdete Gegenständlichkeit. Deswegen insistiere ich unter anderem auch auf die Formbestimmtheit der „materiellen Produktion“ selbst – besser wäre Arbeit – nach ihrer naturgesetzlichen Seite hin, oder die schlichte Frage, warum die gegenwärtige Art und Weise zu produzieren, gerade diese Formbestimmtheit produziert.«
Ja, das kann ich völlig einsehen (zu Hegel kann ich nix sagen), denn genau mit dem Nachweis der Formbestimmtheit der Produktion -- und eben nicht Arbeit -- ist die Formbestimmtheit von Arbeit zu zeigen. Die Abstraktion des Werts bestimmt eben auch die Abstraktheit der Arbeit, wenngleich das nur eine Beschreibung auf der Ebene der Empirie und keine Formbestimmung ist (Wolfs Hinweis bleibt gültig). Und es ist völlig berechtigt, wenn die Postoperaisten auf die Diffusion der Produktion in die Gesellschaft hinein (als immaterielle Arbeit - auch kein geeigneter analytischer Begriff) verweisen. Allerdings gehen sie zu weit, wenn sie den Wertcharakter von Warenproduktion generell in Frage stellen.
- »Es nützt nichts, ausschließlich auf den gesellschaftlichen Verhältnissen rumzuhacken, solange wir diese nicht als bestimmte Verhältnisse der Aneignung der Natur und der Aneignung der Arbeit begreifen können. Eine andere Gesellschaft heißt sowohl eine andere Form der Aneignung der Natur als auch eine andere Form der Aneignung der Arbeit.«
Ich meine, es reicht nicht aus, bloß auf die Seite der Aneigung zu schauen -- das ist letztlich genau das Problem des traditionellen Marxismus (der allerdings bei Aneignung nur den Mehrwert im Sinn hatte). Es geht darum, eine andere Art und Weise der Produktion unserer Lebensbedingungen durchzusetzen, was als wesentliches Moment eine andere Art und Weise der gesellschaftlichen Vermittlung jenseits von Arbeit und Wert einschließt.

