Benutzer:StefanMz/Notizen Michelet 1876
Aus Laboratorium
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Carl Ludwig Michelet, Das System der Philosophie als exacter Wissenschaft enthaltend Logik, Naturphilosophie und Geistesphilosophie. Erster Band, 1876, Berlin, Nicolaische Verlags-Buchhandlung
Das Problem des Anfangs
Michelet ist Hegelschüler. Gelesen habe ich auf Empfehlung nur die Seiten 40 bis 60 in Ergänzung zu Erdmann. Hier geht es um die Begründung des Anfangs der Philosophie: Womit und wie kann sie beginnen?
Michelet beschreibt "folgendes Dilemma. In der Philosophie soll nichts unbewiesen sein, weil ihr nichts gegeben sein darf; und doch kann der Anfang nicht bewiesen sein, da jeder Beweis etwas Früheres voraussetzt, aus welchem er fliesse. Wollte man, um den Anfang der Philosophie zu beweisen, ihn zunächst auch nur ... hypothetisch vorausetzen, um durch den Beweis dieser Voraussetzung den wahren Anfang zu gewinnen: so würden die Prämissen dieses Beweises selbst wieder eines Beweises bedürfen, und so fort in's Unendliche; statt also vorwärts in die Philosophie hineinzukommen, würden wir und nur rückwärts, im Krebsgange immer mehr von ihrem Anfange, mithin von ihr selbst entfernen, und aus ihr heraus räsonniren." (41f)
Das ist sehr schön beschrieben. Wie versucht Michelet das Problem des Anfangs zu lösen?
Das Bild mit dem sich entfernenden Krebsgang deutet die Idee Michelets bereits an: Statt rückwärts zu immer neueren Vorausetzungen der Voraussetzungen zu gehen, will er sozusagen "vorwärts" von einem vorläufigen "anfänglichen Anfang" zum nächsten gehen, der ein "wahrhafterer Anfang" sein wird. Der nächste Anfang ist wiederum ein "höherer Anfang" usw. Jetzt kommt der Trick: "...indem in der dialektischen Bewegung der erste noch unbewiesene Gedanke sich in sein Gegenteil verkehrt, beweist er den zweiten: dieser, durch die nämliche Prozedur den ersten; und aus diesem Doppelbeweise entspringt das Dritte, die Wahrheit, das Ende dieser bestimmten logischen Funktion. (...) Durch diese Gegenströmung und Rückkehr auf sich selbst macht die Phiosophie sich eben zur sich selbst beweisenden Wissenschaft ..., die keines fremden Halts bedarfs. (...) Den wahren Anfang finden wir also erst am Ende und im Ende" (43f)
Dieses Problem der initialen Fundierung, dass Michelet (vergeblich) meinte gelöst zu haben, stellte sich in vergleichbarer Weise auch der Mathematik, formuliert 1900 von David Hilbert. Kurt Gödel zeigte 1931 schließlich, "dass es in einem hinreichend mächtigen System immer Sätze gibt, die mit den Mitteln des selben Systems weder bewiesen noch widerlegt werden können" (Wikipedia). Nun überschreitet zwar die dialektische Logik die formale Logik, aber glechzeitig enthält sie diese und ist mithin von ihrer Korrektheit abhängig.
Ok, die Idee des "Kreisschluss(es) der Vernunft" (43) von Michelet funktioniert also so nicht. Eine andere Frage ist, ob eine Philosophie überhaupt bewiesen werden kann, ob nicht der "Beweis" -- im Sinne der Micheletschen Überlegung -- selbst schon eine Zusatzannahme ist, die sich außerhalb des zu Beweisenden finden muss. Will man aber einen Begriff vom "Sein" im vollständigen Sinne (im Sinne einer Totalität) finden, so gibt es nichts außerhalb, auch nicht den Beweis. Und wie man im Durchgang sehen wird, ist der Beweis in der Tat Teil des Systems der Logik.
Michelet ist ganz Kind seiner Zeit ein aufklärerischer Denker. Gleichzeitig versucht er die Hegelsche Philosophie gegen den Ansturm der Naturwissenschaften und dem formal-logischen Denken zu verteidigen. So fällt auf, dass Michelet eben überhaupt das Problem der Beweisbarkeit aufwirft. Erdmann, auch ein Hegel-Schüler formuliert noch ganz im Hegel-Sinne (mutmaße ich), als Kriterium nicht die "Beweisbarkeit", sondern die "Wahrheit".
So grenzt sich Michelet auch von Erdmann u.a. ab, in dem diesen vorwirft, das Denken implizit bei der Begründung des Anfangs vorauszusetzen, aus dem per Abstraktion das "Sein" abgeleitet werde: "Ob dies Sein nur ein Gedankending oder etwas Wirkliches ist, wissen wir also auch noch gar nicht, weil der Unterschied von Sein und Denken am Anfang noch nicht gemacht werden kann." (44f). Mit seiner Vorstellung von "Beweis" fühlt sich Michelet demgegenüber scheinbar auf der sicheren Seite.
Fazit
Steile These vor dem Hintergrund meiner dürftigen Hegelkenntnisse: Die Aufklärung hat die Hegelsche Logik erledigt. Es gab schlicht keinen Bedarf mehr an dieser Art der "reichen" Welterklärung, die "arme" Sparversion der formalen Logik und des Positivismus tat es auch und war im Sinne der Kapitalverwertung funktional.

