Benutzer:StefanMz/Konspekt WFHaug 2003

Aus Laboratorium

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Wolfgang Fritz Haug, High-Tech-Kapitalismus. Analysen zu Produktionsweise, Arbeit, Sexualität, Krieg und Hegemonie, 2003, Hamburg, Argument

Das Buch fasst Texte zusammen, die zwischen 2000 und 2003 entstanden und meist im »Argument« erschienen sind. Ich befasse mich hier nur mit dem ersten Teil »Aspekte der Produktionsweise«.

Abkürzungen: PK/E=Produktivkraft/entwicklung, PV=Produktionsverhältnisse, VF=Vergesellschaftungsform, WFH=Wolfgang Fritz Haug

Inhaltsverzeichnis

Keine Fragen, aber schon mal Antworten

Zunächst konstatiert WFH

»auf der Linken eine seltsame Scheu, die Wandlungen des Kapitalismus unter dem Gesichtspunkt der Produktivkraftentwicklung und ihrer dialektischen Beziehung zu den Produktionsverhältnissen« (27)

zu analysieren. Damit hat er nach meinem Empfinden schon den Nagel auf den Kopf getroffen -- wäre ein tolles Buch, wenn es das leisten könnte.

Allerdings frage ich mich, warum WFH sich nicht fragt, warum das so ist. Ganz offenichtlich sind doch die Analyse-Instumente abhanden gekommen, derer sich die traditionellen Marxismen lange Zeit so gewiss waren. Ich will mal nur ein paar Probleme aufzählen, die wir (ich zähle mich rückblickend betrachtet dazu) uns mit dem traditionellen PK-PV-Schema eingebrockt haben:

  1. historischer Determinismus (als Quelle des historischen Optimismus)
  2. Sphärenspaltung von Produktion und Nicht-Produktion (die durch die Frauenbewegung als Problem auf den Tisch gepackt wurde)
  3. Arbeitsontologie (Arbeit als Seins- und nicht als Formbestimmung -- was mit dem vorhergehenden Punkt zusammenhängt)
  4. Dichotomie von Hand- und Kopfarbeit (reinkarniert als Differenz von materieller und immaterieller Arbeit)

WFH stellt die Fragen nicht, aber er bemüht sich um Antworten auf dem alten theoretischen Terrain. Er benennt folgende Erkenntnisbarrieren:

  1. Blickverengung auf PK wg. der »ökologischen Wende«
  2. Fixierung auf das Finanzkapital
  3. Bürgerliche Sicht auf Produktivität als Verhältnis zwischen Input und Output
  4.  »extrem objektivistische[n], quasi naturwissenschaftlich daherkommende[n] Theorie der langen Wellen« (29)
  5. Einfluss der Regulationsschule

Keine Fragen, sondern Antworten, aber wohl doch auf ganz andere Fragen. Marxismus, weiter so, alles nur eine Frage des richtigen Verstehens. Leider verfällt WFH dann auch manches mal in ein blödes Bashing, wenn andere einfach das gesichert geglaubte Terrain verlassen und neue Antworten versuchen. WFHs Bashwort ist »Lorianismus« (Erklärung: »Lorianismus, das ist das hochgestochene Blech einer bestimmten Intellektuellengattung.«). Nun denn, vielleicht erwerbe ich ja auch mal diese Auszeichnung.

Postoperaismus

Einer der Lieblingsgegner von WFH ist der Postoperaismus. Worte wie Exodus, Bios, Multitude und Selbstverwertung

»...haben die Tendenz, zum Abrakadabra zu werden« (44)

Selbstverwertung

Die »Selbstverwertung«, mit dem sich Hardt/Negri ein dickes Loch ins Knie geschossen haben und mit dem sie vielleicht so etwas wie »Selbstentfaltung« meinten (unklar, weil die Haltung von Hardt/Negri durchaus wertaffirmativ ist), nimmt WFH wörtlich:

»Es ist dies ein "Vulgärmarxem". Der von Marx für die Kapitalbewegung, die aus Wert mehr Wert macht, bezogene Begriff der Selbstverwertung (vgl. Grundrisse, MEW 42, 243 u. 367) wird unsinnig, wenn auf selbständige (autonome) Arbeit übertragen. André Gorz spricht dagegen von "Selbstvermarktung" (2000, 64)« (44, Fußnote 21)

Nun ist der Begriff unsinnig, wenn die Absicht von Hardt/Negri so etwas wie die »Selbstentfaltung« ausdrücken zu wollen. Wieso ist es unsinnig, wenn damit genau das gemeint ist, was WFH auch darunter versteht: aus Wert mehr Wert zu machen? Es ist doch gerade der Witz das diese eigenlogische Kapitalbewegung, die ja schließlich von irgendwem (einer »Charaktermaske«) exekutiert werden muss, auch in eine einzelne Person wandern kann, weil es sich um eine Rolle und nicht um distinkte personale Eigenschaften handelt. Dagegen ist der Begriff der »Selbstvermarktung« wesentlich schwächer, weil dieser nur auf die Zirkulation abzielt (vermarktet wird bereits geschaffener Wert oder die Arbeitskraft).

Wertgesetz

Hingegen ist die Kritik an der Rede vom »Ende des Wertgesetzes« berechtigt:

»Dass die Minimierung der lebendigen Arbeit durch Automation die Regelung der gesellschaftlichen Produktion über den Tauschwert an ihre geschichtliche Grenze treibt, wird als schlichtes "Ende des Wertgesetzes" ausgesprochen, statt zu sehen, dass die Krisen, in denen sich jene Grenze meldet, gerade die Formen sind, in denen das Wertgesetz "an seiner Grenze" wirkt (44, Fußnote 22)

Solange der Kapitalismus existiert, wirken seine Gesetze. Ein Ende des Wertgesetzes gibt es nur mit dem Ende des Kapitalismus. Folglich ist Negris Aussage »Wir leben schon im Kommunismus« (Negri in einem Interview mit der »Beute« 1996) zwar konsequent (kein Wertgesetz => kein Kapitalismus => also Kommunismus), aber inhaltlich wirklich daneben.

general intellect

WFH übersetzt »general intellect« mit

»akkumuliertes kulturell-kognitiv-technisches Potenzial« (45)

was ich ganz gut getroffen finde. WFH bezieht sich im folgenden auf Marx' »Grundrisse« (GR). Die Seitenangaben im WFH-Zitat beziehen sich auf die GR wie sie als MEW-Band 42 erschienen sind. Diese stimmen leider nicht mit dem mir vorliegendem Reprint der GR-Ausgabe von 1939 (erschienen im Dietz-Verlag von 1953) überein (Die GR als MEW 42 gibt es allerdings online zum Download). Das Marx-Zitat, in dem das Wort »general intellect« vorkommt (als einziges Mal), lautet:

»Die Entwicklung des capital fixe zeigt an, bis zu welchem Grade das allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur unmittelbaren Produktivkraft geworden ist und daher die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebensprozesses selbst unter die Kontrolle des general intellect gekommen und ihm gemäß umgeschaffen sind.« (GR, 602)

WFH interpretiert das so:

»Bei der Rede vom 'general intellect' geht es um die Gesamtheit der Hervorbringungen und Funktionen der "allgemeinen gesellschaftlichen Arbeit" (595) oder "allgemeinen wissenschaftlichen Arbeit" (596): "Akkumulation des Wissens und des Geschicks, der allgemeinen Produktivkräfte des gesellschaftlichen Hirns" (594), "allgemeiner gesellschaftlicher [das Wort ist WFH reingerutscht, in den GR ist es hier nicht vorhanden] Fortschritt" (595), "Entwicklung der allgemeinen Mächte des menschlichen Kopfes" (601), "allgemeines gesellschaftliches Wissen, knowledge" (602)« (46)

WFH hebt die Bedeutung des Marxschen »gesellschaftlichen Individuums« hervor, das

»sich im Medium der akkumulierten Potenzen [=general intellect, SMz] grenzenloser als unter den bisherigen Formen der Artikulation entfaltet« (46)

Den Arbeitenden jedoch trete

»das enorm wachsende wissenschaftlich-technische Potenzial als Anlagekapital (fixes Kapital) gegenüber..., (so) dass "die vermehrte Produktivkraft der Arbeit als [...] ihre eigene Entkräftung gesetzt ist" (598) (...) Gesellschaftliches Wissen und allgemeiner Verstand wirken so "als Eigenschaft [...] des Capital fixe" (594), und es ist "nicht in dem Arbeiter, sondern im Kapital, dass sich die allgemein gesellschaftliche Arbeit darstellt" (595), deren Früchte jenes gratis erntet« (46)

Allgemein gesellschaftliche Arbeit oder auch konkret-allgemeine Arbeit (vgl. dazu meine 24 Notizen) ist wertlose Arbeit, die theoretisch jeder gratis ernten kann, sofern er dies praktisch kann. Dieser Effekt ist nichts grundsätzlich Neues, schon mit dem Übergang von der Manufaktur zur Fabrik konnte der Kapitalist die Früchte der Kooperation der Arbeitenden in der Fabrik gratis abschöpfen.

Was geschieht aber nun, wenn dieser Teil der gesellschaftlichen »Gratisarbeit« immer weiter zunimmt und gar zur bestimmenden Grundlage der Produktion überhaupt wird? Diese Frage stellt WFH nicht auf diese allgemeine Weise, sondern er verfolgt den Pfad von Marx weiter, der auf das Fixkapital guckt, in dem sich nach Marx' Vorstellung der »general intellect« niederschlägt. Ganz in dieser Linie (aber eben nicht Marx weiterdenkend) konstatiert WFH folglich:

»Die am fixen Kapital ablesbare Entwicklung stellt tendenziell die Werttheorie auf eine Weise in Frage, in der die geschichtliche Grenze des Kapitalismus zugleich mit der notwendigen (nicht zureichenden) Voraussetzung für die Emanzipation der Arbeit von der Lohnarbeit in den Blick kommt: Das Kapital fungiert als "prozessierender Widerspruch", indem "es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren strebt, während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums", verkürzt gesagt, als "Tauschwert des Gebrauchswerts" setzt (601)« (47f)

Bevor es weitergeht, zwei Anmerkungen. Ad 1 betrifft die »Emanzipation der Arbeit von der Lohnarbeit«: Das ist die traditionelle arbeitsontologische Ausblendung sämtlicher anderer gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten, die folglich bei einer »Emanzipation« überhaupt nicht in den Blick geraten können, sondern gruseligerweise bestenfalls auch noch »arbeitifiziert« werden müssen, um sie gesellschaftlich anzuerkennen. Dieser Blick hat Konsequenzen für die differenzierte Wahrnehmung allgemeiner Arbeit im Kapitalismus und ihrer Veränderungen im Zuge der »mikroelektronischen Revolution«.

Ad 2 betrifft die von WFH korrigierte und damit wieder ursprüngliche Marxsche Formulierung, die allen vorliegenden Ausgaben der »Grundrisse« eine Einfügung hat: »Tauschwert [das Maß] des Gebrauchswerts« (GR, 593). WFH bemerkt hier in einer Fußnote völlig zurecht, dass die »in Zeit gemessene abstrakte Arbeit ... in der Tat die 'Substanz' des Tauschwerts der Güter [also des Gebrauchswerts, SMz] (bildet), während Tauschwert niemals das Maß des Gebrauchswerts sein kann.« (48) Fazinierend, dass dieser Bug (eingefügt durch die »Moskauer Redakteure der 1930er Jahre«, so WFH) solange Bestand haben konnte und dann auch noch von der zweiten MEGA übernommen wurde, was nach WFH »bei den Postoperaisten die tollsten Theorien hervorgetrieben hat« (nicht überprüft).

Nun weiter im Zitat bei WFH:

»Die auf dem Tauschwert beruhende Regulation« "bricht zusammen", wenn erst die rein quantitativ gemessene Arbeit und damit die Mehrarbeit der Lohnabhängigen für die Produktion gesellschaftlichen Reichtums marginal geworden sind (601).« (48)

Das nennt WFH ein »binnenökonomisch argumentiertes Zusammenbruchstheorem«. Auch hier fällt die Identifikation von Reichtum mit dem Resultat von Arbeit auf, aber das entspricht durchaus der bisherigen Denklinie.

WFH betont via Marx die Bedeutung der

»"volle(n) Entwicklung der Individuen ... als die größte Produktivkraft" (Marx, GR, 607)« (49)

Diese Entwicklung werde unter kapitalistischen Bedingungen »Humankapital« genannt. WFH zitiert Marx' berühmten Satz:

»"Sie kann vom Standpunkt des unmittelbaren Produktionsprozesses aus betrachtet werden als Produktion von capital fixe, dies capital fixe being man himself." (607)«

Das »capital fixe being man himself« hat viele sehr inspiriert, so die Postoperaisten oder auch André Gorz. Doch ich glaube, dass WFH recht hat, wenn er klarstellt:

»Maschinelle Anlagen sind "von der menschlichen Hand geschaffne Organe des menschlichen Hirns; vergegenständlichte Wissenskraft" (602). Wenn fixes Kapital sich notwendig in sachlichen Anlagen darstellt, so ist doch 'Wissenskraft' nicht notwendig auch fixes Kapital. Menschen wiederum sind niemals Kapital, auch wenn das Kapital sich ihre Arbeitskraft einverleiben kann.« (49)

Das Ausmaß des vergegenständlichten Wissens (capital fixe) zeigt zwar an, inwieweit der »general intellect« die gesellschaftlichen Bedingungen gestaltet, aber der »general intellect« ist nicht gleich »capital fixe« wie etwa von Virno behauptet (vgl. 50).

Das Teilkapitel zur »Kritik des postoperaistischen Gebrauchs« des Begriffs des general intellect lasse ich aus, da es für meine theoretischen Fragen nicht viel hergibt. WFH wirft darin dem Postoperaismus »Lorianismus« (WFHs beliebtes Bashingwort) vor. Immerhin ist für WFH so manche postoparaistische Vokabel wie etwa »Massenintellektualität« ein

»imaginärer Vorgriff, Versuch der magischen Herbeizitierung einer noch latenten Gestalt ins Manifeste.« (65)

Man könnte es auch positiv gerade als Leistung des Postoperaismus ansehen, aufgrund der theoretischen Begrenzung des Traditionsmarxismus verdrängte, abgespaltene, unsichtbar gebliebene Tendenzen des Kapitalismus sichtbar gemacht zu haben -- und dies dann als Verweis auf eigene Schwächen zu nehmen und diese zu untersuchen. Stattdessen geht's stets nur um das Richtige oder das Falsche, und da hat WFH im Detail vermutlich meistens Recht.

Aber weiter, wie sieht die Widerspruchkonstellation aus, die WFH untersuchen will? Für WFH gelte es einzugreifen

»an den Widersprüchen zwischen allgemeinem Verstand und kapitalistischem Ausschluss der 'Allgemeinheit' aus dessen Verwirklichung« (65)

Widerspruch zwischen Allgemeinem und Ausschluss

WFH zitiert Marx' bekannte Passage in den »Grundrissen« (602), nach der

»"das allgemeine Wissen [fehlende Auslassungszeichen für den kommagetrennten Einschub bei Marx: "knowledge"] zur unmittelbaren Produktivkraft geworden"« (78)

sei und stellt dann fest:

»Die Ökonomie digitaler Güter erhält den Charakter einer polizeilich vor dem Markt geschützten Veranstaltung. (...) Wie bei den ästhetischen Gebrauchswertmonopolen von Markenartikeln kann Knappheit hier nur künstlich, durch Gesetzgebung und Polizei aufrechterhalten werden. (...) In der Tat würden auf einem sich selbst überlassenen Markt den 'Informationsgütern' die Warencharaktere sich rasch verflüchtigen, und ihre Nutzung stünde ebenso frei wie die der allgemeinen geistigen Güter, angefangen beim Einmaleins bis zur höheren Mathematik. Unterm Recht des "Urhebers" verbirgt sich der Schutz der Waren- oder Wertform.« (78f)

Aber wie verhält es sich mit der Wertsubstanz, kann diese auch polizeilich aufrechterhalten werden? WFH kritisiert, dass die Betriebswitschaftslehre nur in Kosten denken könne, wobei es ihr dann so erscheinen müsse, dass wie das Geld

»auch Wert und Mehrwert der Zirkulation entspringen, angesichts der neoliberalen Entfesselung der globalen Finanzströme womöglich gar dem Finanzmarkt. (...) Auf diese Weise kann jedes Abkassieren, wenn es sich geschickt genug anstellt, als die wahre Wertvermehrung erscheinen. Jede Mieterhöhung kann so als Mehrwertschöpfung auftreten.« (79)

Und weiter:

»Vom Standpunkt der betrieblichen Verwertungspraxis erscheint dann etwa Warenästhetik als wertbildend. Der Aufwand für die Realisation des Werts erscheint als Aufwand für seine Kreation.« (80)

Also: Digitale Güter besitzen nur durch Recht und Staatsgewalt Warenform. Nur weil abkassiert werde, dürfe man nicht annehmen, dass dieses Wertvermehrung bedeute, denn die Realisationsaufwände seien nicht wertbildend. Nun zum Internet:

»Damit die Wert-Abschöpfung bei rein digital existierenden Produkten im Internet funktioniert, bedarf es einer Voraussetzung, die sie zugleich gefährdet, weil sie die Wertform dieser Produkte infragestellt. (...) Ökonomische Form und Gebrauchsgestalt der digitalisierten Ware widersprechen einander. Dass der Verkäufer einer Ware die verkaufte gleichwohl behält, scheint absurd. Was kein knappes Gut ist, kann nicht als Gegengabe für knappe fungieren.« (81)

Die Argumentation ist an dieser Stelle verworren. WFH behauptet, dass die Knappheit aufgrund der Tatsache leide, dass der Verkäufer die Ware eigentlich gar nicht hergebe. Das ist aber hier nicht das Problem, sondern für gewöhnlich wird die Weitergabe des digitalen Guts durch den Käufer als Bedrohung für die Knappheit angesehen. Dass Nicht-Hergeben der Ware durch den Verkäufer wirft hingegen die Frage auf, ob es sich dann noch um einen Tausch handelt, was Käufer und Verkäufer hier vollziehen und ob die Endlosigkeit in der Hand des Verkäufer nicht die Wertform infrage stellt. WFHs »Lösung«:

»Als Bewegungsform für diesen Widerspruch der digitalisierten Ware bildet sich eine Ökonomie der Zugangsbesteuerung oder des Abonnements heraus. (...) So erhält die alte Form des Abonnements eine neue Funktion. Sie verhilft dem an sich Wertlosen zur Preisform und schafft damit ein Instrument zum Werttransfer aus anderen Sphären, "höchste Stufe der Wertschöpfung" (Wildemann 2000) für die bürgerlichen Ökonomen.« (81)

Hola! WFH ist also mit mir der Meinung, dass digitale (Universal-) Güter »an sich« wertlos sind? Und dass es sich bei den Erlösen nicht um Wertrealisationen, sondern in Wirklichkeit um einen »Werttransfer aus anderen Sphären« der Ökonomie handelt? Das ist überraschend, leider aber nicht begründet. Nur assoziativ kann man sich denken, dass WFH hier die Bewegung des an sich wertlosen Allgemeinen und dem kapitalistischen Ausschluss zu beobachten meint.

Zudem ist anzumerken, dass etwa der »Offline-Kauf« eines Digitalguts keineswegs eine Frage des Zugangs und damit des Abonnements ist. Auch ist es immer noch so, dass die allermeisten Provider keine Abo-Gebühren für Inhalte erheben, sondern sich schlicht für die Bereitstellung des technischen Zugangs zum Internet bezahlen lassen. Es gibt nur in Sonderbereichen einen »Ökonomie der Zugangsbesteuerung« (etwa spezielle Archive), doch auch diese Inseln sind von Raubkopien und Aus-Kooperation nach Wikipedia-Art bedroht. Erfolgreicher schon sind kommerzielle Web-2.0-Dienste, die per Gebühr erweiterte Funktionen zur Verfügung stellen, etwa zur Kontaktaufnahme zu anderen Nutzern (diese waren zur Zeit der Artikelentstehung, 2000, allerdings noch nicht abzusehen). Völlig ausgeblendet ist der »Werttransfer« durch Werbung, der heute wohl die dominante Einnahmequelle im Internet darstellt.

Doch zurück zum Text. WFH bleibt nicht bei der klaren Aussage. Über die Ebene der Realisation oder Zirkulation, bei der der Wert durch den Preis verhüllt wird, kommt WFH bald zur glatt gegensätzlichen Aussage. Die Analogie im Bereich der stofflichen Güter sei die Gemeinschaftsware wie etwa beim Lesezirkel:

»Zeitungen, Zeitschriften, Bücher fungierten fungierten in der einen oder anderen Form von Anfang an als Gemeinschaftswaren (sharewares). Beim Lesezirkel fängt die Organisation einer Nutzungsgemeinschaft über ein Abonnement die Ausreißer wieder in die Wert- und Warenform ein. Ein Vorbild für die entsprechende Rückholung in die Warenform bei Distribution übers Internet ist das bei 'Pay-TV' angewandte Verschlüsselungsprinzip. Der Widerspruch zwischen dem Digitalgut und seiner Warenform treibt die Konzerne zu fiederhafter Arbeit an "Business-Modellen" (...) Wie ... beim Lesering bietet nun das die Warengrenze transzendierende Muster der Gemeinschaftsware einen Ansatz zur Rückeroberung des Warencharakters.« (82)

Stoffliche Waren waren nie außerhalb der Warenform. Welcher Ausreißer sollte dort wieder eingefangen werden? Der »Raubleser«? Für rivale Güter besteht das »Knappheitsproblem«, das die bürgerliche Ökonomie stets mit Reichhaltigkeit bekommt, nicht: Wird das aus tauschlogischer Sicht »zu Viele« vernichtet oder wahlweise nicht produziert, ist die Knappheitsbedingung wieder gegeben. Knappheit ist eben eine soziale Form.

Hat WFH zuvor noch erkannt, dass Recht und Exekutive Mittel zur Schaffung künstlicher Knappheit sind, so scheint ihm das bei technischen Zugangshürden nicht klar zu sein. Die technischen Zugangsbehinderungen, die nichts mit der eigentlich bereitzustellenden Funktion zu tun haben, sind -- das hätte WFH erkennen können -- Realisationsaufwände, allerdings nicht Realisation von Wert, da digitale Universalgüter ja (auch WFH zufolge) an sich wertlos sind, sondern Realisation des Werttransfers. Überhaupt sind die meisten »Business-Modelle« in diese Rubrik einzuordnen, und bei der Werbung wird dies offensichtlich.

Allerdings kehrt so etwas, was WFH als »Gemeinschaftsware« anspricht an überraschender Stelle zurück. Musikportale verzichten zunehmend auf technische Zugangshürden (DRM), sondern verkaufen ihre Bezahlgüter »unverdongelt« (zuletzt iTunes). Sie nehmen damit bewusst in Kauf, dass die Musiktitel in die jeweiligen Gemeinschaften per Kopie weitergereicht werden (allerdings werden »digitale Wasserzeichen« zur Markierung der Kopien eingesetzt). Allein durch Geschwindigkeitsdifferenz (Verkauf solange noch nicht genug Kopien frei zirkulieren) und Bequemlichkeit (keine u.U. aufwändige Suche) können noch digitale Bezahlgüter abgesetzt werden. Der Tendenz nach ist dies ein selbst-parasitäres Geschäft mit nicht allzu großer Überlebenswahrscheinlichkeit, da mit sinkenden Erlösen die Formen der Eigenvermarktung und Verkauf von Ereignissen (Live-Events) statt Produkten zunehmen werden.

Waren vorher die Digitalwaren bei WFH noch »an sich« wertlos, so bekommen sie nun Wert eingehaucht. Und das geht so:

»Der Aufstieg der Wissenschaft zur Hauptproduktivkraft mit entsprechender Steigerung der Arbeitsproduktivität treibt Marx zufolge eine Wirtschaftsweise, die sich durch den Arbeitswert reguliert, an ihre historische Grenze (...) So scheint bei den 'Informationswaren' die marxsche Prognose erfüllt, dass Arbeit aufhören werde, "die große Quelle des Rechtums zu sein" (GR, 601). Doch der Schein trügt. Indem bei Digitalwaren das Fallen der Stückkosten bei steigender Auflage ins Extrem getrieben ist, gilt: Ihr Wert ist durch die Entwicklungsarbeit bestimmt. Ihre Preisbildung hängt von den taktischen Möglichkeiten der jeweiligen Marktkonstellation und ggf. dem temporären Monopol ab.«

Leider bekommt diese Ausage über den Wertgehalt von Digitalwaren »Is-so«-Charakter, denn sie wird nicht weiter begründet. Der folgende (hier als letztes zitierte) Satz jedenfalls geht sofort auf die Ebene der Preise und der Realisation. Auffällig ist, dass allen vorher getroffenen Aussagen komplett widersprochen wird. Dort waren die Digitalwaren noch »an sich« wertlos, und Verkauf bedeutete in Wirklichkeit ein »Werttransfer«.

Eine Erklärung für diesen logischen Bruch habe ich nicht. Vielleicht habe ich ja auch alles falsch verstanden.

Dazu noch ein Zitat vom Anfang des Buches, in dem noch die erste, später verschwundene Lesart durchklingt:

»Die Grenzsituation eines Wirtschaftssystems, das sich durch den Austausch von Arbeitsquanten reguliert, während es gleichzeitig alle Energie darauf richtet, das Arbeitsquantum je Produkt auf einen gegen Null strebenden Grenzwert zu reduzieren, gewinnt in der Tat mehr und mehr empirische Evidenz. Auch die Wertform stößt an ihre historischen Grenzen. Sie sind bei solchen Produkten erreicht, die nach Herstellung des Prototyps nicht mehr produziert, sondern nurmehr reproduziert werden müssen, wobei die Reproduktionstechnologie tendenziell allgemein zur Verfügung steht. Daraus folgt indes weder die "Endkrise" [...], noch ein Zwang, klassische Zusammenbruchstheorien neu aufzulegen. Eine solche Krise kann Jahrhunderte dauern.« (29)

Zur Im/Materialität digitaler Produkte

Die Anfang der 2000er Jahre häufiger zu hörende Rede von der »Entmaterialisierung der Produktion« hat WFH lesbar genervt:

»Selbst linke Autoren verglichen angesichts der "immer wichtiger werdenden Produktion von Information" den Übergang zum High-Tech-Kapitalismus mit dem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft, "wo die agrarische Produktion heute auch nur noch ein Anhängsel der Industrieproduktion ist"« (97)

wird Stefan Merten zitiert. WFH hält den damit angesprochenen Gegensatz für einen Kategorienfehler:

»In jeder Klassenherrschaft dominiert sog. "geistige" (dispositive, konzeptive) Arbeit über "körperliche" (exekutive) Arbeit. Die Herrschaft steckt in diesem handfesten Gegensatz von von Disposition und Exekution, nicht im gespenstigen Gegensatz von materieller und immaterieller Arbeit.« (97)

Damit begeht WFH selbst einen Kategorienfehler, weil mit Disposition vs. Exekution ein subalternes Moment der übergreifenden Verwertungs- und Herrschaftslogik zum bestimmenden Herrschaftsaspekt gemacht wird. Aber das soll hier nicht das Thema sein. WFH sieht als

»... epochal Neues ... die 'elektronische Mechanisierung' des logisch-mathematischen Kalküls, seine Verwandlung in einen physikalischen Prozess auf Grundlage der Digitalisierung, das heißt der 'Übersetzung' von 'Information' aus einer dem menschlichen Verständnis adäquaten Form in Sequenzen diskreter 0/1-Schaltungen.« (99)

Um das Neue begreifen zu können, müssten zunächst einmal Grundbegriffe geklärt werden.

Materielles

Ad 1. Es sei eine Alltagsvorstellung, dass man Materielles anfassen und Immaterielles entsprechend nicht. Das sei falsch.

»Die allgemeinste vulgärökonomische Grundoperation besteht darin, die stoffliche oder physische Seite mit der gesellschaftlichen oder Formseite zusammenzuwerfen. Kapital kann man, da es ein gesellschaftliches Verhältnis darstellt, niemals anfassen. (...) Gleichwohl ist das Kapitalverhältnis etwas höchst Materielles.« (99)

Weiter:

»Auch der Begriff des Stofflichen muss von der Bindung an das, was unseren Sinnen unmittelbar zugänglich ist, gelöst werden« (100)

Ist also »Materie« eine philosphische Kategorie, während »Stoff« als Beschreibungsbegriff genau das Sinnliche -- unmittelbar oder mittelbar (per Messmittel) -- erfasst?

»Der Begriff des Materiellen geht also nicht nur insofern über Stoffliches hinaus, als er gesellschaftliche Verhältnisse umfasst, sondern erweitert sich auch im Physikalischen über die Stoffgrenze hinaus in subatomare Dimensionen. Einsteins Masse-Energie-Gleichung beschreibt eine dynamische Beziehung innerhalb des Materiellen.«

Das verstehe ich gar nicht. Die Masse-Energie-Äquivalenz sagt doch nichts anderes, als das »Stoffliches« auch »Energetisches« ist, die Gleichung beschreibt also eine Beziehung im Stofflichen. Materie oder das Materielle ist demgegenüber eine übergreifende Kategorie, die keine Grenzen im Stofflichen o. dgl. »erweitert«, sondern alles Existierende zu fassen in der Lage ist, also Stoffliches wie Nicht-Stoffliches. Dabei kann man grob drei qualitativ unterschiedliche Ausdruckformen -- oder Widerspiegelungsformen -- des Materiellen unterscheiden: Bloß Stoffliches in der unbelebten Natur, Biotisches, also die belebte Natur, und Gesellschaftliches als Seinsweise der menschlichen Natur. In der Unscheidbarmachung bekommt der philosophische Materie-Begriff seinen Sinn, nicht aber in seiner »Anwendung« auf bestimmte Ausdrucksformen selbst.

Ad 2. Form und Stoff gehören zusammen. Werden nun Form als etwas »Ideelles« oder »Immaterielles« und Stoff als etwas »Materielles« auseinandergerissen, so sei dies der Produktionsweise und seinen ideologischen Formen geschuldet, es sei »idealistische Bewusstseinsphilosophie« (100f). WFH hält dem entgegen:

»Nicht der Zusammenhang [von Form und Stoff], sondern die Trennung ist ... rechenschaftsbedürftig. An sich gibt es keinen strukturlosen Stoff. Die Trennung und Entgegensetzung von Struktur oder Form und Stoff, wie sie seit Aristoteles der Metaphysik zugrundeliegt, ergibt allenfalls vom Standpunkt mechanischer Produktion einen Sinn ...« (101)

Warum hebt WFH mit dem letzten hier zitierten Satz den vorhergehenden in seiner Aussage auf? Also entweder ist die Trennung von Form und Stoff zulässig oder nicht. Der Grund für die Relativierung ist inhaltliche Unklarheit bezüglich des Informtionsbegriffes. Wie später klar wird, ist hier eine Trennung -- nach Meinung von WFH -- Wesensmerkmal der »Informationsverarbeitung«. Also wird hier in der philosophischen Grundaussage ein Türöffner eingebaut. Zunächst noch kritisiert WFH das, was er später genau so reproduzieren wird:

»Ist nun die aus theologifiziertem Handwerkerdenken (der Töpfer und sein Lehm) erwachsene Vorstellung von einer formenden Instanz, die einer formlosen aber formbaren Materie 'immateriell' gegenüber steht und ihr übergeordnet ist, unhaltbar geworden, so scheint sie in Gestalt des Informationsbegriffs wieder auferstanden zu sein.« (101f)

Information

WFH stellt mit Bezug auf Neil Postman dar, dass noch in der Aufklärung Information immer zweck- und handlungsgebunden war, während sich mit dem Aufstieg der Telegraphie so etwas wie »kontextlose Information« als Begriff durchzusetzen begann. Mit dem Computer und der Kybernetik schließlich

»ist der Informationsbegriff zugleich zu einer ideologisch tragenden Kategorie geworden.« (102f)

Um Informationen »automatisch bearbeitbar« zu machen,

»müssen Informationen im lebensweltlichen, von zwischenmenschlicher Kommunikation bestimmten Sinn auf Daten reduziert werden. "Digital gespeichert, übertragen und maschinell verarbeitet wird nur die syntaktische Struktur, die Darstellungsform der Information -- die Daten"« (103)

wird Klaus Fuchs-Kittowski (2000) zitiert, auf den sich WFH oft bezieht. Für WFH setzt »Informationsverarbeitung« einen Reduktionsprozess voraus, aus »Informationen« werden »Daten«. Aber wie? Und worin genau besteht die Reduktion, was genau wird da vermindert, verringert oder zurückgeführt? Das Bit sei schließlich jenes »Reduktionsprodukt«, das nicht weiter reduzierbar ist und als

»ein von "jeder Bedeutung freies Zeichen" ... als "Information"« gelten kann (103, zitiert wird hier Serres/Farouki, aber Fuchs-Kittowski könnte ähnliches sagen)

Warum? Warum kann ein von jeder Bedeutung freies Zeichen als Information gelten?

Genau besehen widerspricht Fuchs-Kittowski (F-K) an dieser Stelle, und WFH hätte sich deutlich abgrenzen müssen: F-K trennt Inhalt und Form und behauptet, dass nur die Form (die Daten) verarbeitet werde. Im vorausgehenden Abschnitt hatte WFH aber noch überzeugend dargelegt, dass eine »Form als solche« Unfug ist, sondern immer als Form von einer Substanz gilt. Was also hier begrifflich auseinander gerissen wird, existiert so nicht.

Ferner wäre F-K weiter zu befragen, ob denn »Daten«, die ja nur »Form« sind, für sich existieren, mithin also selber Substanz darstellen, die ihrerseits eine »Form« besitzen. Weiters könnte man wiederum nach dieser »Form« fragen etc. Lösen sich hier auf mystische Weise »Formen« von ihren »Inhalten« und erlangen ein Eigenleben?

Wo Reduktion, da auch De-Reduktion. Zustimmend wird wiederum F-K zitiert:

»Denn Information entsteht erst durch Interpretation der Daten, und Informationen werden erst durch Inbeziehungsetzung zu anderen Informationen, durch ihre Einordnung in einen Sinnzusammenhang, zu Wissen« (Fußnote 81 auf Seite 104)

Das entspricht dem Mainstream der Informationstheorie, ist aber aus meiner Sicht falsch. Weiter aber mit der Kritik von WFH, zwei Punkte werden genannt.

Ad 1) Durch die metonymische Redeweise wird ein »Instrument« zur Sache selbst verkehrt:

»Das Kalkül gilt dann nicht mehr als Modellierungsinstrument zur Berechnung von Realprozessen, sondern als diese selbst.« (104)

Ad 2) Es werde vergessen, dass »Information« eine »technische Abstraktion« sei. Serres/Farouki zitierend illustriert WFH:

»"Nach der Umwandlung in Informationssequenzen lassen sich die Objekte der Welt nicht nur übertragen, sondern auch mit Computern bearbeiten" ... Es bekümmert die Magier der 'Hochtechnologie' nicht, dass das so Bearbeitete in Wahrheit informationelle Abstraktionen oder Modellierungen sind, nicht das Modellierte selbst.« (104)

Der Unterschied der beiden Punkte ist mir nicht ganz klar, sie liegen eng beisammen. In beiden Fällen geht die Werkzeug- und damit auch die Handlungsperspektive verloren. WFH weiter:

»Wenn Klaus Fuchs-Kittowski sagt: "Information als Codierung existiert in Raum und Zeit, die Semantik, das Ideelle in der Gleichzeitigkeit" (1998, 13), dann meint Letzteres wohl: das Ideelle existiert subjektiv, d.h. im Akt seiner Interpretation. Mit Leiser wäre hier zwischen Subjekt und Objekt die Handlungsebene einzutragen, auf der die logifizierten Gebilde begreifen lassen als "vielmehr relativ selbständige dialektisch-prozessierende ideelle Ganzheiten, die sich zwar auf materieller Grundlage bewegen und Momente des materiellen Prozesses sind, aber eben spezifische" (Leiser 1978, 176)« (105)

Wieso existiert das Ideelle bloß subjektiv und nur im Akt der Interpretation? Widerspricht das Leiser-Zitat nicht dieser Aussage? Schüttet WFH hier das Kind (die kritisierte Metonymie) mit dem Bade (die Objektivität von »Information«) mit dem Bade aus? -- Da WFH keinen eigenen Informationsbegriff vorlegt, sondern nur ein wenig im Feld herumläuft, können diese Fragen nicht beantwortet werden. Richtiges und Unklares liegen vermischt nebeneinander vor.

»Fuchs-Kittowskis Bestimmung: "Information ist weder Materie noch Geist allein, sondern Verbindung von Materiellem und Ideellem" (1998, 13), wäre im Resultat nicht zu widersprechen, sondern im Ausgangspunkt, dem Auseinander zweier Seinssphären« (105)

Hier kommt WFH wiederum auf die anfängliche Kritik -- Trennung von Form und Idee -- zurück, die er zwischenzeitlich selbst mit seinem zustimmenden Bezug zu F-K reproduziert hat. Eine klare Absetzung von F-K gelingt nicht, weil die eigene Position fehlt. So kann nur partiell das Widersprüchliche an der anderen Position kritisiert werden:

»Wenn er [F-K] in dieser Anordnung fortfährt, "dass in der Evolution des Lebendigen Ideelles von Beginn an mitgewirkt hat" (14), und "Geistiges" als "das Ideelle der Information", "Materielles" aber als Träger der Information« fungiert, scheint unter dem Namen 'Information' das aristotelische eidos, die metaphysisch verselbständigte Form wiederzukehren, während die fürs eidos unwesentliche hylee, der vermeintlich formlos-formbare, passive Stoff erscheint. Was diesen Stoff in Form bringt, ist Information. Sie gerät in dieser Sicht zum Bildenden, das sich selbst als Urbild weiterbildend fortpflanzt, das wahrhaft Seiende, das wirkende Wesen.

Hier wird die ankündigte Kritik eingelöst (WFH illustriert dies noch am Beispiel der Proteinsynthese). Nur wäre es konsequent, den F-K'schen Informationsbegriff komplett zu verwerfen, was aber WFH nicht macht. So kommt es zu den erwähnten Widersprüchen, dazu, dass WFH seine eigene Kritik auf sich selbst anwenden könnte.

Anschließend handelt WFH noch zwei andere Positionen ab. Einmal Paul Bocarra, der vertrete:

»Informationen sind als solche immateriell. Wer anders denkt, sei kein Materialist. Seine Weltformel lautet: "Universum = Masse + Energie + Information"« (106)

WFH kritisiert, dass die verwendeten Begriffe alles unsere Abstraktionen seien und hält dem entgegen:

»Die Generalformel könnte dann eher lauten: Was wir Materie nennen, ist strukturierte (= informationell beschreibbare) Masse + Energie« (106)

Unklar ist hier, ob Information die Strukturierheit selbst ist, oder ob sie nur in der von einem Menschen vorgenommenen Beschreibung existiert. Damit die Frage nach der Objektivität aufgeworfen.

Die letzte Kritik richtet sich an eine die vorgebliche Gegenposition eines strengen Materialisten:

Auch Kondakows Festlegung, für den Marxismus sei Information "eine der universalen Eigenschaften der Materie" (1978, 228), ist problematisch, weil sie die Handlungsebene ausblendet und das, was man als informationelle Abstraktion begreifen muss, unmittelbar objektiv setzt. (106)

WFH kann die schwierige Frage nach einem angemessenen Informationsbegriff nicht auflösen. Partiell berechtigte Kritik ist mit Rückfällen auf eben jene Positionen verknüpft. Dabei häte sich WFH nur an seine eigene Aussage zum Kapitalbegriff erinnern müssen:

»Die allgemeinste vulgärökonomische Grundoperation besteht darin, die stoffliche oder physische Seite mit der gesellschaftlichen oder Formseite zusammenzuwerfen. Kapital kann man, da es ein gesellschaftliches Verhältnis darstellt, niemals anfassen. (...) Gleichwohl ist das Kapitalverhältnis etwas höchst Materielles.« (99)

Beim Informationsbegriff geht es natürlich nicht um ein gesellschaftliches Verhältnis, aber dass es sich bei der Information um einen Verhältnisbegriff handeln muss, kann den Zugang zu einem angemessenen Begriff der Information eröffnen.

Literatur

Folgende Literaturangaben im Text von WFH wurden mitzitiert oder erwähnt:

P. Bocarra (2002), Informationelle Revolution, Vortrag bei der VI. internationalen Konferenz des Berliner Instituts für kritische Theorie

N. I. Kondakow (1978), Wörterbuch der Logik, Leipzig

K. Fuchs-Kittowski (1998), Information und Biologie, in: Sitzungsberichte der Leibnitz-Sozietät, Bd. 22, H. 3, 5-18

K. Fuchs-Kittowski (2000), Digitale Medien und die Zukunft der Kultur wissenschaftlicher Tätigkeit, in: ders. et al. (Hg.), Wissenschaft und digitale Bibliothek, Jahrbuch 1998 der Gesellschaft für Wissenschaftsforschung, Berlin

A. Gorz (2000), Arbeit zwischen Elend und Utopie, Frankfurt/M.

E. Leiser (1978), Der Widerspiegelungscharakter von Logik und Mathematik, Frankfurt/M.

K. Marx (1858), Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, in: Marx-Engels-Werke 42, zit. MEW 42, Berlin

N. Postman (2001), Die zweite Aufklärung. Vom 18. ins 21. Jahrhundert, Berlin

H. Wildemann (2000), »In der Neuen Ökonomie wird sich die Hierarchie der Waren verschieben«, FAZ, 2.10.2000, 29

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