Benutzer:StefanMz/Konspekt Heinrich 2005

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Michael Heinrich, Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung, 3. Aufl. 2005, Stuttgart, Schmetterling

Einführung in die drei Bände von Marx' Kapital. Heinrich verortet sich selbst im Kontext der "neuen Marx-Lektüre", hebt sich ab vom "Weltanschauungsmarxismus", aber auch von Wertkritik.

Eindruck: Einige Positionen hat Heinrich aufgrund der Rezeption der Wertkritik (bzw. deren Kritik an Heinrich) modifiziert, zum Beispiel bei seiner Achillesferse: Eine begriffliche Trennung von Produktion und Zirkulation wie noch in der "Wissenschaft vom Wert" ist nicht mehr aufweisbar. Ein "Denken von der Zirkulation her" scheint manchmal noch schwach durch.

Inhaltsverzeichnis

Zum Wert

Dennoch, stimmt das: "Jede Arbeit, deren Produkt ... getauscht wird, produziert Wert" (46)? Das hier klingt gut: "Der Wert ist ... nicht ein Ding wie ein Brötchen, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis, das als dingliche Eigenschaft erscheint. Das gesellschaftliche Verhältnis, das sich in Wert und der Wertgröße ausdrückt, konstituiert sich gerade in Produktion und Zirkulation, so dass die 'Entweder-oder-Frage' keinen Sinn hat." (53)

Zur Wertgröße

Hm, drückt sich das gesellschaftliche Verhältnis als Wertgröße aus? Ist 57 Euro -- Wertgröße als Geld ausgedrückt -- ein gesellschaftliches Verhältnis? Das ist doch nur insoweit richtig, als das die Wertgröße Wert quantitativ darstellt, ganz allgemein, aber nicht hinsichtlich eines konkreten Maßes. Niemand kann sagen, wofür 57 Euro steht, nur, dass es sich um eine bestimmte Menge an Wert in Form des Geldes handelt, nicht aber, um wieviel in Bezug auf eine andere Ware, nur in Bezug auf sich selbst -- 57 Euro. Also generell die Frage: Können gesellschaftstheoretische Kategorien einzeltheoretische Sachverhalte ausdrücken? IMHO: nein.

Heinrich sieht aber wirklich die konkrete Wertgröße als gesellschaftliches Verhältnis, wenn er schreibt: "Wertbildende Arbeitszeit (oder die Menge abstrakter Arbeit) lässt sich nicht vor, sondern nur im Tausch messen -- und wenn die Werte aller Waren aufeinander bezogen werden sollen, dann lässt sich diese Messung nur vermittels des Geldes durchführen" (63) -- Wertbildende Arbeitszeit lässt sich gar nicht messen, weil wir es nicht mit Messgrößen zu tun haben, sondern als gesellschaftliches Verhältnis stellt sich her, was als wertbildende Arbeitszeit gilt. Dass es sich um ein Geltungsverhältnis handelt, betont Heinrich selbst an anderer Stelle: "Abstrakte Arbeit ist ein im Tausch konstituiertes Geltungsverhältnis: Im Tausch gilt die verausgabte konkrete Arbeit als ein bestimmtes Quantum Wert bildender abstrakter Arbeit und damit auch als Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit" (49) -- Zu ergänzen wäre: ein bestimmtes, aber nicht bestimmbares (messbares) Quantum.

Zur monetären Werttheorie

Heinrich bringt als Argument gegen "substanzialistische Auffassungen vom Wert, die Wert am einzelnen Ding festmachen wollen" (62) in Anschlag: "Die Marxsche Theorie ist ... eine monetäre Werttheorie: Ohne Wertform können sich die Waren nicht als Werte aufeinander beziehen und erst die Geldform ist die dem Wert angemessene Wertform." -- Dass die Geldform die dem Wert angemessene Wertform ist, ist sicher richtig, ist aber hier kein Gegenargument gegen substanzialistische Wertauffassungen. Schon die von Marx entwickelte allgemeine Wertform drückt Wert als gesellschaftliches Verhältnis aus. Vorher schreibt Heinrich selbst: "Der Wert macht ... nicht nur überhaupt eine gegenständliche Wertform notwendig, er macht eine Wertform notwendig, die diesen gesellschaftlichen Charakter ausdrückt, und dies gelingt erst mit der allgemeinen Wertform" (59)

Zum Kapital

"Kapital ist nicht einfach Wert, sondern sich verwertender Wert, d.h. eine Wertsumme, die die Bewegung G - W - G' vollzieht. (...) Im Unterschied zur einfachen Warenzirkulation W - G - W ... ist die Kapitalbewegung ein Selbstzweck, sie ist maßlos und endlos" (83f). "Wenn der Kapitalist nur die Logik des Kapitals ausführt, dann ist auch nicht er, sondern das Kapital, der sich verwertende Wert, 'Subjekt'. Marx spricht in diesem Zusammenhang vom Kapital als 'automatischem Subjekt'" (86)

Zu Mehrwert und Ausbeutung

"Dass der einzelne Arbeiter für seine Arbeitskraft vom Kapitalisten weniger an Wert erhält, als er durch seine Arbeit produziert, bezeichnet Marx als Ausbeutung -- ein Begriff, der in verschiedener Hinsicht missverständlich ist. (...) Ausbeutung bezeichnet einzig und allein den Sachverhalt, dass die Prduzenten lediglch einen Teil des von ihnen neu produzierten Wertes erhalten -- unabhängig davon, ob die Löhne hoch oder niedrig, die Arbeitsverhältnisse gut oder schlecht sind. (...) Ausbeutung ist ... nicht als moralische Kategorie gemeint... Es geht nicht darum, dass den Arbeitern etwas weggenommen wird, was ihnen eigentlich gehört..." (93f)

Zum Unterschied von Arbeitskraft und Arbeit

"Mit Arbeitskraft ist die Fähigkeit des Menschen gemeint, Arbeit zu verrichten, und unter Bedingungen von Warenproduktion kann die Verausgabung von Arbeit zur Quelle von Wert werden" (87f) Und unter anderen Bedingungen: Ist jenseits der Warenproduktion die Arbeit noch Arbeit? Und auch nicht klar: Arbeitskraft = Fähigkeit zur Arbeit, Arbeit = Potenz zur Verausgabung -- das ist doch nicht wirklich unterschiedlich?? Wäre es nicht so klarer: Arbeit ist die verausgabte Arbeitskraft? Kann Arbeit verausgabt werden? Ist es richtig zu sagen: "Arbeit schafft Wert, hat aber selbst keinen" (95) Muss es nicht heissen: Arbeitskraft schafft Wert, und zwar mehr, als sie selbst wert ist? Oder ist es eigentlich ein Dreischritt: Arbeitskraft - Arbeit - Produkt (durch Arbeit Vergegenständlichtes)? Oder mit Holloway: Fähigkeit zum Tun - Tun - Getanes?

Später folgt noch eine sehr merkwürdige Kennzeichnung: "...wird ein 'gerechter' Lohn gefordert, dann wird einer solchen Forderung genau die Irrationalität der Lohnform (nämlich Lohn als Bezahlung des Werts der Arbeit und nicht als Bezahlung des Werts der Arbeitskraft...) zugrunde gelegt..." (197) Die Bemerkung in Klammern ist Richtung, aber sie zeigt doch gerade die Rationalität der Lohnform, nämlich eben jenen mystischen Zusammenhang auch materiell auszudrücken. Umgekehrt müsste man nämlich schließen, dass eine Rationalität der Lohnform (Bezahlung des Werts der Arbeit) erst noch herzustellen ist, und das ist natürlich Bullshit, wogegen Heinrich zurecht selbst argumentiert.

Siehe dazu auch meine Reflexionen über Arbeit.

Zum Profit

Profit ist eine Mystifikation: "Profit ist ... nicht nur ein anderer Ausdruck für Mehrwert, wichtig ist, dass ihm eine ganz andere, die tatsächlichen Verhältnisse 'mystifizierende' Vorstellung verbunden wird. Mehrwert ist der Überschuss des von der lebendigen Arbeit geschaffenen Neuwerts über den Wert der Arbeitskraft; die Verausgabung der lebendigen Arbeit ist ... Ursache des Mehrwerts. Profit dagegen ist Überschuss des Werts der Ware über den bei ihrer Produktion Teil des vorgeschossenen Kapitals; das Kapital erscheint hier als Ursache des Profits. (...) Diese im Profit stattfindende Mystifikation des tatsächlichen Verhältnisses hat eine andere Mystifikation zur Voraussetzung, nämlich den Lohn als Bezahlung der Arbeit: Nur weil der Lohn als Bezahlung nicht des Werts der Arbeitskraft, sondern als Bezhalung des Werts der Arbeit erscheint, kann der Mehrwert als Profit, d.h. als Frucht des Kapitals erscheinen." (141f)

Zur Trinitarischen Formel

Mit der trinitarischen Formel fasst Marx drei Zusammenhänge einer "verzauberte(n), verkehrte(n) und auf den Kopf gestellte(n) Welt, wo Monsieur le Capital und Madame la Terre als soziale Charaktere und zugleich unmittelbar als bloße Dinge ihren Spuk treiben" (MEW 25, 838, zit. n. Heinrich). Heinrich dazu weiter: "'Kapital' und 'Boden' erhalten in der kapitalistischen Gesellschaft ähnlich magische Fähigkeiten wie die Holz- oder Stofffetische in den angeblich primitiven Gesellschaften. Auch die Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft leben deshalb in einer 'verzauberten' Welt, in der es zur 'Personifizierung der Sachen' kommt: Subjekte des gesellschaftlichen Prozesses sind nicht die Menschen, sondern Ware, Geld und Kapital. Dabei handelt es sich keineswegs nur um 'falsches Bewusstsein'. Es ist die gesellschaftliche Praxis der kapitalistischen Gesellschaft [Doppelmoppel...], die immer wieder die Verselbstständigung der 'Produktionsfaktoren' hervorbringt und den gesellschaftlichen Zusammenhang als einen Sachzwang konstituiert, dem die Einzelnen nur bei Strafe des ökonomischen Untergangs entfliehen können. Insofern besitzen die personifizierten Sachen durchaus materielle Gewalt. (...) Weder Kapitalisten noch Arbeiter haben eine privilegierte Position, um dem Fetischismus zu entgehen." (185)

Fußnote auf Seite 187: "Die Begriffe Personifikation, Personifizierung und Personalisierung sind genau auseinander zu halten. Personifikation bedeutet, dass eine Person lediglich die Logik einer Sache gehorcht (der Kapitalist als Personifikation des Kapitals), Personifizierung einer Sache bedeutet, dass der Sache Eigenschaften einer Person beigelegt werden (das Kapital erscheint als selbsttätiges Subjekt) und Personalisierung, dass gesellschaftliche Strukturen auf das bewusste Wirken von Personen reduziert werden"

Zur Maschinenmetapher

Hat Heinrich die Maschinenmetapher von mir genommen? Zitat: "Der Kapitalismus erweist sich als eine anonyme Maschine, die keinen Maschinenmeister kennt, der diese Maschine mit seinem Willen lenkt und den man für die von dieser Maschine angerichteten Zerstörungen verantwortlich machen könnte" (186). Vermutlich nicht, so fern liegt die Metapher ja nun nicht. Kybernetische Maschine finde ich auch treffender.

Zum Klassenbegriff

Was Klassen und ihre Kämpfe angeht, ist Heinrich recht traditionell. Zwar Zurückweisung eines soziologischen Klassenbegriffs: "Wer im strukturellen Sinn zu welcher Klasse gehört, lässt sich ... nicht durch formelle Eigenschaften bestimmen, wie etwa die Existenz eines Lohnarbeitsverhältnisses, sondern nur durch die Stellung innerhalb des Produktionsprozesses. Genauer gesagt: Sie lässt sich nur auf der Ebene des 'Gesamtprozesses des Kapitals' bestimmen... Auf dieser Ebene wird klar, dass es keineswegs nur Besitz oder Nicht-Besitz von Produktionsmitteln ist, der über die Klassenzugehörigkeit entscheidet." Aber kein wirklich Bruch mit Vorstellung von Klassenkampf als Emanzipation.

Einerseits: "Klassenkämpfe sind zunächst einmal Kämpfe innerhalb des Kapitalismus: das Proletariat kämpft um seine Existenzbedingungen als Proletariat..." (197) Andererseits eine Art Hoffnung: "Allerdings besitzen Klassenkämpfe auch eine Eigendynamik. Sie können zu Lern- und Radikalisierungsprozessen führen, bei denen auch das kapitalitische System als Ganzes in Frage gestellt wird. Der Fetischismus ist eben nicht undurchdringlich." (197) Das ist nicht plausibel, das ist seinerseits ein gewisser Klassenmystizismus. Ursache ist eine fehlende Vorstellung gesellschaftlicher Transformation, was im letzten Abschnitt über den Kommunismus deutlich wird.

Zur Politik

Zunächst las ich erfreut, dass Heinrich deutich machen wolle, "dass es vor dem Hintergrund der Kritik der politischen Ökonomie nicht allein um eine zur bürgerlichen Theorie des Staates alternative Theorie geht, sondern vor allem um eine Kritik der Politik. Damit ist nicht eine Kritik bestimmter Politiken gemeint,..." -- was ja erstmal ganz gut und fundamental klingt, wobei mich schon das "nicht allein" stutzig macht, nun geht es aber wie folgt weiter -- "...sondern eine Kritik von Staat und Politik als sozialen Formen,..." -- klingt immer noch gut -- "d.h. als einer bestimmten Weise, den gesellschaftlichen Zusammenhang zu vermitteln" (202) -- Uh, was schreibt er da? Der gesellschaftliche Zusammenhang wird durch Politik und Staat, also in alter Diktion dem "Überbau", vermittelt? Warenproduktion als das neutrale Unvermittelte, als das Ungesellschaftliche, und Staat/Politik als Hersteller des gesellschaftlichen Zusammenhangs, als Ort der Vermittlung, als das Gesellschaftliche? Das erschüttert mich dann doch.

Wo kommt das her? Das kommt von der Vorstellung, dass das Gesellschaftliche aus den Auseinandersetzungen der Klassen resultiere, demzufolge Staat und Politik dann "soziale Formen" (so Heinrichs Begriff) sind, in denen dies ausgetragen wird. Dass die Warenproduktion und Zirkulation selbst der Ort ist, an dem auf widersprüchliche Weise (getrennte Privatproduzenten, deren Produkte -- als dingliche fetischierte Formen des Sozialen -- ihre gesellschaftliche Geltung erst ex Post erfahren) der gesellschaftliche Zusammenhang hergestellt, im wörtlichen Sinne: produziert, wird, kommt Heinrich nicht in den Sinn. Jedenfalls nicht in diesem Buch.

Zum Kommunismus

Heinrich referiert die zwei (falschen) Vorstellungsweisen über den Kommunismus nach Marx, der sich selbst dazu nicht genauer geäußert hat: Kommunismus als Ideal bzw. Ethik, in dem es eine bestimmte Voraussetzung darüber gibt, wie Menschen sein sollen, und Kommunismus als Verstaatlichung der Produktionsmittel, was der Realsoz versuchte, aber total gescheitert ist. Als Eckpunkte einer kommunistischen Gesellschaft nennt Heinrich selbst: kein Tausch, kein Markt, kein Staat, kein Wert, kein Kapital, individuelle Emanzipation vom sachlichen Zwang (Fetisch) -- kurz: keine bloße Verteilungsfrage wie beim Traditionsmarxismus.

Heinrich nennt dann eine Reihe von Einwänden und Gegenargumenten gegen seine Eckpunkte und lässt die dann aber so stehen. Mehr als einen Ausblickssatz kann er nicht aufbieten: "Trotz all dieser Schwierigkeiten ist kein Argument ersichtlich, warum eine kommunistische Gesellschaft prinzipiell unmöglich sein sollte" (229) und ganz am Schluss, nach dem Nennen all der ganzen Fiesizitäten des Kapitalismus "gibt es genug Gründe, den Kapitalismus abzuschaffen und zumindest zu versuchen, ihn durch einen 'Verein freier Menschen' zu ersetzen." (230) -- Da ist mehr als dürftig: erst den schwarzen Peter rüberschieben, den niemand mehr interessiert (niemand hat bewiesen, dass Kommunismus nicht ginge) und dann aus dem Elend des Kapitalismus die Begründetheit zu folgern. Nein, da ist keine Substanz, kein bißchen einer Transformationsvorstellung.

Heinrich ist letztlich phantasielos. Das liegt vermutlich aber auch am seinem sozialen Ort im akademischen Elfenbeinturm, der eine Theorie hervorbringt, die kein anderes Denken zulässt. Es mag ansonsten große Differenzen zu traditionellen Marxismen geben, an dieser Stelle unterscheidet ihn wenig von seinen theoretischen Widersachern (auch nicht von der meisten Wertkritik im übrigen).

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