Benutzer:StefanMz/Konspekt Devlin 1993

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Keith Devlin, Info und Infone. Die mathematische Struktur der Information, 1993, Basel, Birkhäuser

Der Autor hadert mit seinem eigenen Buch. Der Gegenwind, der ihm offensichtlich bei seinem Herangehen, eine »prämathematische« Theorie der Information zu entwerfen, aus der eigenen Disziplin entgegen blies, spricht aus vielen Zeilen. So betont der Autor immer wieder wie vorläufig seine Gedanken wären und überhaupt könnten sie völlg falsch sein. In der »Danksagung« klagt er, »wie töricht es ist ..., alles geistige Streben nur nach seinem unmittelbaren Geldwert zu beurteilen« -- Wissenschaft in neoliberalen Zeiten.

Vorhaben

Devlin versucht sich dem Problem einer »Wissenschaft der Information« mit Mitteln der Logik zu nähern. Er unterscheidet mehrere Stufen der Logik. Dabei habe die »Logik erster Stufe« (die formale Logik) wichtige Beträge geleistet, aber hier komme sie nicht weiter:

»Insbesondere hat sich die Logik erster Stufe sowohl zur Erklärung der linguistischen Bedeutung als auch zur Entwicklung einer Informationstheorie, die für die Informationsverarbeitung und künstliche Intelligenz angemessen ist, als schmerzhaft inadäquat erwiesen.« (346)

Also benötige man einen anderen logischen Ansatz, zu dem er einen Beitrag leisten wolle. Das Buch lege jedoch keine fertige Theorie vor, sondern die Theorie befinde sich »bestenfalls erst in embryonaler Form« (345). Es gehe um die »Untersuchung des Zielgebietes« (348), während die harte Mathematik, der »Aufbau "formaler" mathematischer Modelle« noch ausstehe:

Ich bin daran gegangen, ein Buch über die Mathematik zu schreiben, einen Beitrag zur Entwicklung einer neuen "Logik", die eine echte Informationstheorie leichter machen würde. Im nachhinein sehe ich jetzt, daß diese Ambition unglaublich naiv war. Große Teile dieses Buches sind das Resultat meiner Anstrengungen, Probleme in den Griff zu bekommen, von denen ich niemals gedacht hatte, in sie hineingezogen zu werden, Fragen der Intentionalität, von Geisteszuständen und so fort. Meine ursprüngliche, naive Ambition hat sich jetzt auf die Herstellung eines Folgebuches übertragen. (350)

Devlin hat den angekündigten Nachfolgeband nie geschrieben (soweit ich weiss), und grundsätzlich scheint sich Devlin von dem Thema fast völlig abgewandt zu haben. In einem Vortrag in Amsterdam 2005 (»Does Information Really Exist?«) -- dem einzigen, den ich überhaupt noch zum Thema Information gefunden habe -- gibt Devlin eine nette Definition der Information:

»Information ist der Tennisball der Kommunikation«

Es sei also etwas zwischen den »Instanzen«, die kommunizieren, und so wie der Tennisball nicht das Tennisspiel ist (und auch nicht die Verausgabung von Energie der Spieler), so sei die Information auch nur ein »dazwischen«. Diese ironisch vorgetragene Überlegung trifft schon eine ganze Menge eines adäquaten Informationsbegriffes, allerdings hat Devlin den Gedanken nicht weiterverfolgt. Passt halt nicht in die Logik.

Information

Devlin geht es um die »Semantik«, die er mit den Mitteln der Logik in einen formalen Rahmen bringen möchte. Wie motiviert er den Einstieg in den Informationsbegriff? Mit einer Geschichte. Man solle sich vorstellen, in der »Eisenzeit« einen Schmied zu fragen, was »Eisen« sei. Dieser könne zwar auf Gegenstände aus Eisen verweisen, aber nicht beantworten, was Eisen sei, da ihm das passende Bezugssystem fehle. Mit Bezugssystem meint Devlin das Wissen über die Molekularstruktur der Materie:

»...denn das ist sicherlich der einzige Weg, eine präzise Definition von Eisen zu geben.« (15)

Aber mehr noch:

»...es ist nicht nur so, daß Ihr Mann nicht mit der Molekulartheorie vertraut ist, er ist sich wahrscheinlich nicht einmal der Möglichkeit einer solchen Theorie bewußt« (ebd.)

Die entscheidenden Annahmen werden zu Beginn gemacht, so auch hier. Es klingt abgedroschen, aber wieder trifft der Satz zu: »Wer nur [einen Hammer|die Logik] kennt, für den besteht die Welt aus [Nägeln|formalen Operationen]«.

Die Frage »Was ist Eisen?« wird übersetzt in die Frage »Wie ist Eisen definiert?« bzw. hier: »Wie ist Eisen molekular strukturiert?« Das klärt jedoch keineswegs die Bedeutung von »Eisen«. Da ist es schon eher adäquat, dass der historische Schmied auf die Dinge verweist, die er aus Eisen gemacht hat, weil in dem verallgemeinerten »Machen« die gegenständliche -- und das ist immer die gesellschaftliche -- Bedeutung steckt.

Hingegen kommt man bei der Frage nach der »Definition« einer Sache zur vermeintlichen Aufklärung der Bedeutung leicht in einen infiniten Regress: Jede Definition bedient sich Begriffe, die nun ihrerseits zuerst in der Bedeutung (per Definition) aufgeklärt werden müssten und immer so weiter. Für den Logiker ist die feste Verankerung jedoch die Definition, doch es wird schnell klar, dass die auch mit der Molekulartheorie nicht gegeben ist.

Devlin stellt sich nun die Situation des Schmieds, der noch nicht einmal um die Molekulartheorie wissen könne, wie die Situation des Informationstheoretikers vor: Es gibt Information, das ist aus Alltagserfahrungen klar, aber wir haben keinen Schimmer von einer Informationstheorie und können jetzt aber anders als der Schmied sagen:

»Sicherlich ist sie da. Aber was genau ist sie? (...) Wie der Mensch der Eisenzeit mit seinen Waren handelt, so kann der Mensch des Informationszeitalters "Information" erkennen und handhaben, ist aber nicht in der Lage, eine präzise Definition von dem zu geben, was eigentlich erkannt und gehandhabt wird.« (15f)

Folgerung daraus:

»Dementsprechend besteht hier das Ziel nicht in der Beantwortung der Frage "Was ist Information?", sondern vielmehr darin, die Natur des Informationsflusses und die Mechanismen zu untersuchen, die zu einem solchen Fluß Anlaß geben, kurzum, eine Wissenschaft der Information zu entwickeln.«

Ich habe keine Ahnung, was Information ist, aber ich mache schon mal eine Wissenschaft -- *lol*. Eine weitere Vertiefung in den »formalen semantischen« Ansatz lohnt sich nicht.

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