Benutzer:Benni/Lesetagebuch 2005
Aus Laboratorium
Hier notier ich mir kurz, was ich von den Sachen halte, die ich grad gelesen oder gesehen habe. Neue Einträge oben.
Inhaltsverzeichnis |
Multitude
Grammatik der Multitude - Untersuchungen zu gegenwärtigen Lebensformen von Paolo Virno, ISBN 3-89408-092-2
Dort wo "Multitude" bei Negri/Hardt noch als Hoffnungsträger herhalten muß, analysiert Virno eher nüchtern wofür der Begriff heute taugen könnte. Auf jeden Fall besser als "Multitude" von Negri/Hardt. Sehr lesenswert!
Krimi
Mord braucht Reklame von Dorothy L. Sayers, ISBN 3-499-14895-1
Normalerweise les ich ja kaum Krimis. Aber Frauke hat mich so lange beschwatzt, dass ich dem Genre mal wieder eine Chance gegeben hab. Dann doch gleich einen Klassiker. Ist auch wirklich mit sehr viel Witz geschrieben und sehr unterhaltsam. Wann kriegt man schon mal einen Einblick in die Werbe-Wirtschaft der 30er Jahre? Dass Wer-ist-der-Mörder-Spiel hingegen könnte man sich sparen, insbesonder weil die präsentierte Lösung dann am Ende wirklich ziemlich unlogisch war.
Danke an Frauke fürs Ausleihen.
Radfahrer
Wie ich den Krebs besiegte und die Tour de France gewann von Lance Armstrong und ??? ISBN ???.
Der Vollständigkeit halber notiere ich auch die Schundbücher. Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär trotz Krebs oder so...
Danke an Frauke fürs Ausleihen.
Geld
Das Geld der Zukunft von Bernard A. Lietaer, ISBN 3-570-50035-7
Ein Gesellianerbuch. Ich habs blos gründlich überflogen. Durchaus einige interesaante Anekdoten über Geld. Jetzt weiß ich auch was das eigentliche Problem mit den Gesellianern und ähnlichem ist. Sie erklären sich die Welt ganz idealistisch, man muß nur das Geld verändern und schon verändert sich die Welt. Dabei ist doch wohl offensichtlich umgekehrt das Geld Ausdruck einer Beschaffenheit der Welt. Um das als Unsinn zu entlarven braucht man nun wirklich keine Antisemitismusvorwürfe, die sonst immer standardmässig in dieser Disussion erhoben werden.
Danke an meine Schwiegermutter fürs Schenken.
China-Splatter
Das rote Kornfeld von Mo Yan, ISBN 3-499-13633-3
Sehr schöne Sprache, brilliant montiert. Inhaltlich ist es eine Familiengeschichte aus dem ländlichen China. Zum großen Teil zeitlich wärend des japanisch-chinesischen Krieges (30er und 40er Jahre des 20.Jhdts) angesiedelt. Eine unvorstellbare Grausamkeit jagt die nächste ohne dass dabei die düster-romantische Grundstimmung leiden würde. Dabei werden die durchaus detailreich geschildert. Sehr interessante Leseerfahrung, wenn man es durchhält. Was sagt eigentlich der Jugendschutz zu sowas? Wäre das ein Film oder ein Computerspiel würde er bestimmt eingreifen. So ist es große Kunst.
Danke an den unbekannten Spender beim Urs-Julia-Büchertauschtag
Alexandria
Die Heilerin von Alexandria von Kari Köster-Lösche, ISBN 3-471-79365-8
Ein schlecht geschriebender Historienschinken. Spannend wars trotzdem, so hab ich also durchgehalten. Interessant war vielleicht, dass das das einzige Buch ist, dass ich kenne, in dem die frühen Christen ziemlich durchtriebene Gesellen sind, so sektenmässig halt. Sonst sind das ja immer die Guten.
Danke an den bekannten Spender (Ralf) beim Urs-Julia-Büchertauschtag
Zuhause
Zu Hause während der digitalen Revolution http://digirev.de
Ein super Comiclabyrinth. Sehr eindringliche Schilderung eines Lebensgefühls.
Danke an Wolfgang fürs Zeichnen.
20.Jahrhundert
Das Zeitalter der Extreme - Weltgeschichte des 20. Jahrhundert, von Eric Hobsbawm ISBN 3-423-30657-2
Am Anfang hat mich sehr beeindruckt, wie der Autor historische Schilderungen mit eigenem Erleben und eigenen Ansichten verknüpft. Doch ab so ca. der Hälfte des Buches gleitet das immer mehr ab in so eine Art Kultur-Konservativismus und wird ziemlich unerträglich. Ich habs dann auch nicht mehr ganz fertig gelesen.
Interessant finde ich Spekulationen darüber, woran dieses Abgleiten liegen mag. Ich glaube ja an eine Mischung daraus, dass man selber immer mehr eigenes Erleben hat, je näher das Buch der eigenen Zeit kommt und gleichzeitig der Autor, weil älter und gesetzter (um nicht zu sagen seniler) sich immer mehr aus der Lebenswirklichkeit entfernt.
Danke an meine Eltern fürs Schenken.
Sudbury
Die Sudbury Valley School, Eine neue Sicht auf das Lernen, übersetzt erhältlich beim Tologo Verlag ISBN 3-9810444-0-1
In gewisser Weise sind die Sudbury-Schulen die Aktualisierung des letzten Eintrags. Da wirkt nichts mehr antiquiert, vielmehr erstaunlich überzeugend.
Etwas verwirrend für mich ist der ungebrochene amerikanische Patriotismus. Eine ebenso radikale Kritik des Bildungssystems wird mit einer radikalen, fast schon naiven Affirmation des umgebenden Systems verbunden. Vielleicht liegt darin ein Teil des Erfolgsgeheimnisses.
Ein weiteres Fragezeichen tut sich für mich auf bei der starken Betonung der Verantwortungsethik. Ist nicht Teil des Kind-seins auch gerade nicht für alles verantwortlich gemacht zu werden? Kann man Kinder nicht gerade auch als vollwertige Person sehen ohne sie für alles verantwortlich zu machen?
Interessant ist auch die philosophische Begründung in etwas, dass ich vielleicht Radikal-Liberalismus nennen möchte. Typisch amerikanisch auch das. Ich sehe da einige Parallelen zur Freie Software-Bewegung. Beide sind sehr radikal und systemverändert und doch beide gleichzeitig systemkonform, was ihre Ideologie angeht.
Summerhill
Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung - Das Beispiel Summerhill von A.S.Neil
Der Klassiker! Natürlich im Prinzip meistenteils richtig ganz gegen den Anti-Anti-Autoritären Zeitgeist. Seine Küchenpsychoanalyse nervt teilweise. Wenn alle onanieren dürften, gäbe es keine Kriege und überhaupt auch keinerlei Probleme auf der Welt und das sagt er ungefähr hundertmal. Da kommt man schon auf den Gedanken, dass das ein eher privates Problem von ihm war. Naja. Homophob ist er auch, aber immerhin ist er so konsequent auch das nicht zu verbieten. Ähnlich antiquiert wirkt sein Geschlechterbild. Ansonsten eine sehr lockere, anregende Lektüre voller witziger Anekdoten.
Dank an Dom fürs Schenken!
Werlhof
Männliche Natur und künstliches Geschlecht, Texte zur Erkenntniskrise der Moderne von Claudia von Werlhof ISBN 3-900399-51-4
Kurz gefasst: Patriarchat, Neuzeit und Moderne sind eine Stufenleitung der Unterdrückung von Frauen und Natur. So weit mag das stimmen. Etwas schräg wird es nur, wenn sie sich mit aktuellen Fragen auseinandersetzt. Computer- Gen- und Reproduktionstechnik sind z.B. das Böse schlechthin (weil der männliche Versuch der Maschine Geist einzugeben und damit das Lebenserzeugungsmonopol der Frauen zu untergraben und so dem Patriarchat zur endgültigen Herrschaft zu verhelfen). Das wirkt dann oft doch sehr 80-er-Jahre-mässig (Das Buch ist von 91, viele Aufsätze darin aber noch aus den 80ern) und zumindestens die Beschimpfungen des Computers sind nicht gerade von Sachkenntnis durchzogen.
Trotz allem: Spannend fand ich das Buch sozusagen als Gegengewicht zu den eher Techno-Utopischen Kreisen in denen ich mich sonst bewege. Und auf eine Art merke ich auch gerade mal wieder durch den Umgang mit Lino, dass es da eine große Leerstelle gibt.
Werlhof ist für das Patriarchat vielleicht ein bisschen das was Robert Kurz für den Kapitalismus ist. Sehr radikal in der Kritik aber doch eher rückwärtsgewandt in der Perspektive.
Danke an Frauke fürs Leihen!
Herrschaftsfrei Wirtschaften
Nullnummer der Heftreihe fragend voran'. http://www.projektwerkstatt.de/hefte/index.html
Zunächst mal eine ziemlich interessante Sammlung von Projekten, Texten, Ideen rund um das Thema. Für jeden der was über Umsonstläden, freie Software, solidarische Ökonomie etc. lernen will, sicher ein guter Einstieg. Ich persönlich kannte die meisten Positionen und Projekte schon, was aber ja auch kein Wunder ist, da ich mich seit Jahren mit dem Thema auseinandersetze.
Bei mir hat das Heft sehr gemischte Gefühle hinterlassen. Zum einen Trauer, weil ich selbst zur Zeit nicht dazu komme, mehr beizutragen und aber weiterhin das dringende Bedürfnis verspüre. Zum anderen aber auch das Gefühl, dass der Schwerpunkt doch immer noch sehr auf dem "fragend" liegt, und weniger auf dem "voran". Eigentlich weiss keiner so richtig, was zu tun wäre. Aus meiner perönlichen Situation heraus, die zur Zeit ganz fern all dieser Bemühungen und bis auf den Geschlechtertausch ein klassisches bürgerliches Arrangement ist, hab ich ein bisschen eine Ahnung davon gekriegt, wie all das auf ganz normale Menschen wirken muss. Es wirkt trotz aller Bemühungen Nähe zum Alltag herzustellen verdammt abgehoben. Das Bild mit dem Goldfischglas am Schluß ist dafür eigentlich eine prima Illustration. Man denkt sofort: Natürlich bleib ich drin, schliesslich ist es draussen trocken! Das Glas ist doch durchsichtig, ich seh das! Oder hat schonmal jemand ein Goldfischglas im Teich gesehen?
Ich fand vor allem den einzigen Artikel, der versucht hat feministische Theorien mit einzubeziehen ("Theoretische Zugänge zu solidarischer Ökonomie" von Carola Möller) wichtig und interessant. Leider steht der völlig unverbunden zum Rest des Heftes. Bezeichnend dafür ist sowohl die Ignoranz gegenüber dem Thema im Rest des Heftes als auch die im Artikel verwendete Gleichsetzung von Kapitalismus und Patriarchat. Es käme gerade darauf an, zu gucken worin sie sich unterscheiden und wie sie sich gegenseitig unterstützen und dann zu gucken, wie man das knacken kann. Die etwas altbacken wirkenden normativen Vorstellungen von Carola erscheinen mir da ebenso unpassend wie die Techno-Utopien und "Wohlfühlprojekte" der angewandten Wertkritik.
Zum Schluss noch ein kleiner Meckerer: Das Layout war wirklich eine Katastrophe. Nur weil die Software das umfliessen von Grafiken berherrscht muss man das nicht auf jeder zweiten Seite anwenden. Da wurde mir ganz wackelig vor den Augen! Nach Lektüre von http://www.coforum.net/index.php?Bericht_zum_Heftprojekt_Herrschaftsfrei_Wirtschaften wird aber auch klar, wie das zustande kam. ;-)
Danke an Annette fürs Schicken!
Comics
V wie Vendetta erster Band: ISBN 3-551-01805-7 sowie Die Wächter ISBN X von Alan Moore
Wird ein Superheldencomic schon Kunst, nur weil man ihn mit Zitaten aus der Hochkultur vollstopft? Das weiß ich nicht, aber ein postmoderner Superheldencomic wird es damit auf jeden Fall. Am Besten haben mir die ersten Bände von Die Wächter gefallen. Diese Bande abgehalfterter Pseudo-Helden hatte was. Die typische 80er-Jahre-Untergangsstimmung hatte auch was. Interessant wie das von heute aus betrachtet schon wieder so altmodisch wirkt. Formal ist auch Die Wächter die interessantere Serie, vor allem durch die Verknüpfung mit dieser bizarren Piratenstory und den gelegentlichen Volltexteinschüben. Die letzten Bände werden dann aber doch wieder sehr klassisch Superheldenmässig und insofern eher uninteressant.
Danke an Dom fürs Ausleihen.
HP6
Harry Potter and the half blood prince ISBN schenk ich mir, das gibts ja überall.
Natürlich hab ich das wieder weggezutzelt wie nix. Schon immer wieder erstaunlich wie gut HP funktioniert.
Nett die Stellen, wo es um Prophezeiungen und den Freien Willen geht. Weniger nett das übliche Muster: Dumbledore hat immer wichtigeres zu tun als HP die wahnsinnig wichtigen Informationen zu geben und HP erzählt Dumbledore nichts von seinen wichtigen Infos. Das war ja am Anfang noch glaubwürdig, wo die beiden sich noch sehr fremd waren, aber inzwischen wirkt das doch schon seit einigen Büchern immer unglaubwürdiger. Gut das Rowling sich dieses Schema zumindestens fürs letzte Buch gespart hat ;-)
Natürlich wieder ein Buch übers Erwachsen-werden. Diesmal muss dann folgerichtig auch noch die letzte übrig gebliebene väterliche Autorität dran glauben. Staatliche Autorität wird ja wie immer schön blos gestellt. Unverständlich ist mir, wieso HP am Schluss seiner großen Liebe den Laufpass gibt, das war dann doch eine Nummer zu starker lownsome-hero-Quark.
Danke an Ralf fürs Ausleihen.
Anti-Anti-Pädagogik
Andreas Flitner, Konrad sprach die Frau Mama... Über Erziehung und Nicht-Erziehung, ISBN 3-492-10357-X
Das Buch ist von 1985 und so etwas wie die Antwort der Pädagogik auf die Antipädagogik. Ein paar Punkte hat er, so die Kritik am oft individualistischen und subjektivistischen Ansatz der Antipädagogik.
Aber generell überzeugt das Buch nicht. Neben dem nervigen typischen Pädagogenstil vor allem seine Aufklärungsemphase. Er kennt zwar die Dialektik der Aufklärung, sieht in dieser aber nicht das Projekt der Aufklärung als Ganzes - und somit auch die Pädagogik - kritisiert, sondern nur ihre technizistischen und vor allem mediale Folgen. So finden sich dann auch folgerichtig im Buch verteilt immer wieder Einsprängsel heute kulturkonservativ anmutender Medien- und Konsumkritik.
Seine Vorstellung von Dialektik allgemein erschöpft sich auch in einem "sowohl-als-auch" und kommt nicht zu neuen Erkenntnissen sondern gibt einen üblichen "Chancen-und-Risiken"-Diskurs wieder.
Vor die Wahl gestellt, solche Pädagogen oder garkeine zu haben: Dann lieber garkeine.
Danke an Olf fürs Ausleihen.
Deleuze-Einführung
Michaela Ott, Gilles Deleuze zur Einführung, ISBN 3-88506-603-3,
Interessant war die Betonung des Affektiven. Das war mir bisher noch nicht so klar, dass das ein Kernpunkt bei Deleuze ist, dass Denken immer auch Fühlen ist und umgekehrt. Ansonsten hat mir das Buch nicht so gefallen. Wenn ich viel nicht schon wüsste, hätte es mich nur verwirrt glaub ich. Es wird ein Buch nach dem anderen "abgehakt" und mit sehr vielen auch langen Zitaten gearbeitet. Man hat also mit der manchmal etwas schwer zugänglichen Sprache von Deleuze zu kämpfen aber kriegt nicht seinen Flow dazu.
Danke an Bodo fürs Ausleihen.

